1957Exakta
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Passend zu den schönen Kameraportraits hier im Forum wollte ich jetzt auch mal was beisteuern; die Ferien boten schließlich genug Zeit. Verbunden mit einem Erfahrungsbericht, da ich die betreffenden Kameras seit einigen Jahren nutze - und sie auch als SLR-Gewohnter für bestimmte Zwecke nicht mehr missen möchte.

Wir bewegen uns damit in die Spezialdisziplin: Viel Kamera für wenig Geld. Untergruppe: Meßsucher.
Denn normalerweise kosten qualitativ gute Meßsucherkameras mit ihren Wechselobjektiven eine Stange Geld. Das ist hier anders - die Zeiss Ikon Contax segelt heute nämlich auf dem internationalen Markt weit unter dem Radar markenbewußter Sammler.
Eine Kamera, die maßgeschneidert war und ist, um besondere Objektive einzusetzen: die legendären Zeiss-Sonnare von Ludwig Bertele. Die rangieren zwar 90 Jahre nach ihrer ersten Rechnung längst nicht mehr in der Kategorie "Schärfemonster". Aber dafür bringen sie je nach Licht ganz eigene Charaktereigenschaften aufs Bild...

Hier hatte ich bei mittäglicher Herbstsonne in einem alten Gewerbehof in Krefeld das vergütete 135-mm-Sonnar auf der Contax IIa - Fujichrome Velvia 50, offene Blende, Filter KR 1,5.
Ein Objektiv, das dann bei anderem Licht wiederum ganz anders abbildet - Fomapan R100, eine Statue in Halle an der Saale, Vormittagslicht im Frühjahr, Rollei Orangefilter:

Es gibt also schon bei einer einzigen Sonnar-Brennweite viel in Sachen "Charakter" zu entdecken...
Warum eine Contax??
Bekanntlich existiert beim Meßsucher so eine Art Goldstandard: die Leica M. Daß sie noch 2025 diesen Status hat, illustriert, welch ein großer Wurf die M3 gewesen sein wird, als sie vor 70 Jahren auf den Markt kam. Für heutige Fotografen hat das Ganze allerdings einen Haken: Wie unlängst noch in einem Nachbarforum aufgelistet wurde, darf man für eine sofort einsatzfähige M3 mit einem 1:2-Normalobjektiv an die 2.000 € berappen.
Da ist mir doch einigermaßen die Kinnlade usw.
, und es wird nicht besser dadurch, daß man selbst für Nikon-Meßsucherkameras in vergleichbarer Konstellation vierstellige Beträge hinblättern darf.
Wer sich das leisten kann oder will, der braucht jetzt eigentlich nicht mehr weiterzulesen.
Bei wem das aber (wie bei mir) nicht der Fall ist, der möchte womöglich trotzdem die großen Vorzüge einer Meßsucher-Ausrüstung genießen: Meßsucherkameras sind viel leichter herumzutragen als vergleichbare SLR-Ausrüstungen. Man spart locker ein Drittel Gewicht ein.
Und: Meßsucherkameras sind viel, viel leiser als SLRs!
Wer schon mal (wie ich) auf die Schnapsidee gekommen ist, in einem belebten Berliner Szene-Café mit einer motorisierten SLR Portraitbilder machen zu wollen, der wird hinterher wissen, wo der Haken lag: beim Krach, den die Kamera gemacht hat
; sie wäre auch ohne Motor zu laut gewesen. Bei der nächsten derartigen Gelegenheit im französischen Nantes habe ich eine andere mitgenommen: den flüsterleisen Meßsucher.
Was also tun, wenn die Leica, die Nikon oder die edle Zeiss Ikon ZM zu teuer sind? Die Lösung heißt: Zeiss Ikon Contax.
Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, ein historisches Kamerasystem zur Konkurrenz für die Leica M hochzujubeln. Nicht umsonst war es gerade die M-Leica, die die Sucher-Contax Mitte der 50er Jahre definitiv aufs Altenteil schickte. In der M3 steckten fast 20 Jahre Weiterentwicklung, und ihre Leitz-Objektive begannen die Zeiss-Pendants zur Contax vermutlich da auch endlich zu überflügeln.
Man ist heute mit der Sucher-Contax in einer anderen, weniger edlen Liga unterwegs als mit der Leica M.
Wenn man allerdings die besagten Gebrauchtmarktpreise gegeneinanderstellt, sieht es für die Contax schon nicht mehr ganz so schlecht aus: Sie kostet nur ungefähr ein Viertel einer vergleichbar ausgerüsteten Leica M.
Wo man also mit einer M3 und einem Normalobjektiv unterwegs ist, kann man für dasselbe Geld zusätzlich zur Contax bereits die komplette fünfteilige Zeiss-Objektivskala 21 bis 135 mm mit in die Tasche packen. Möglicherweise sogar noch ein Zweitgehäuse, wenn man Farbe und Schwarzweiß parallel machen oder mehrere Filmempfindlichkeiten/-entwicklungsmodi mitnehmen möchte.
Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist also gar nicht so schlecht.
Ein Schuß Kamerageschichte: Zu welcher Contax sollte ich greifen?
Die Frühjahrsmesse in Leipzig 1936 ist unser Ausgangspunkt. Dort nämlich gelang es Zeiss Ikon, seinen Fehlstart mit der Contax (I) 1932 in einen internationalen Erfolg umzumünzen. Wer möchte, der kann bei Hans-Jürgen Kuc, Auf den Spuren der Contax, nachlesen, mit wievielen Macken die unausgereifte Contax (I) behaftet war. Deshalb ist dieses Ursprungsmodell heute wohl am ehesten was für die Vitrine unerschrockener Sammler.
1935/36 krempelte man die Kamera gründlich um, und heraus kam die Contax II: endlich ein echter Konkurrent für die Schraub-Leica, der auch gleich in einigen Dingen die Nase vorn hatte: Schnelligkeit durch den ersten Meßsucher der Welt, eine Skala lichtstarker Zeiss-Sonnare, einfacheres Filmladesystem, präzisere Entfernungsmessung, Vorlaufwerk, Einknopf-Einstellung aller Zeiten, als Reklame-Gimmick auch den etwas schnelleren Verschluß - immerhin durch seine Metallbauweise unempfindlich gegenüber Sonnenstrahlen, die der Leica so gern Löcher in Gummituch-Rollos brennen.
Kurz darauf schickte Zeiss Ikon noch die Contax III hinterher, die zu den ersten Kameras mit eingebautem Belichtungsmesser gehörte.

Mit solch einer 88 Jahre alten Contax II (oder einer gleichaltrigen III) kann man bis heute bestens fotografieren, sie lassen allerdings in der B-Note zu wünschen übrig: die Zeitverstellung ist etwas kraftaufwendig, und vor allem: Ihr Verschluß macht Krach wie der einer lauten Kleinbild-SLR. Bei langen Zeiten mit Hemmwerk ab 1/10 sek. ist er sogar noch lauter.
Deshalb sollte man heute im Zweifelsfall eher zu den Nachkriegs-Modellen IIa und IIIa greifen. In der Handhabung sind sie gar nicht so unterschiedlich gegenüber ihren Vorläuferinnen, aber die Zeitverstellung ist viel weniger kraftaufwendig - und vor allem haben sie flüsterleise Verschlüsse.
Wir haben meine Contax IIa insofern mit der gut funktionierenden Leica M2 eines alten Freundes verglichen: Die Leisere war - die Contax.
Zusätzlich fielen die Nachkriegsmodelle etwas kleiner und leichter aus. Nur in einem Detail scheinen sie einen Haken zu haben - und da sind wir schon beim Thema "Eigenheiten der Contax".
Obacht beim Umhängen: Bereitschaftstasche nötig
Wie der kalifornische Contax-Experte Henry Scherer auf seinem sehr informativen Portal darlegt, ist die Befestigung der Gurt-Ösen in den Nachkriegsgehäusen etwas schwächlich ausgeführt worden. Man kann heute nur spekulieren, ob da vielleicht noch ein bißchen Mangelwirtschaft der Nachkriegsjahre mit hineinspielt. Scherers Kritik ist wohlgemerkt umstritten; aber ich hatte keine Lust, selber einen Versuch zu machen.
Jedenfalls ist der Ausweg ebenso einfach wie empfehlenswert: die Nachkriegs-Kamera nur in der Bereitschaftstasche umhängen. Zeittypisch sind an der Tasche Lederriemen angebracht. Traut man diesen Riemen nach 70 Jahren nicht mehr so recht über den Weg, kann man sie wie hier in einer Lederbearbeitungswerkstatt erneuern lassen.

Die Taschen selbst sind (wie damals bei Kameras dieser Preisklasse üblich) aus soliden Materialien stabil und gut verarbeitet und vertragen auch heute noch normal belastende Einsätze. Zwar kann man die vordere Klappe (anders als z.B. bei der Exakta) nicht abnehmen, aber damit muß man eben leben.
Wenn man ganz genau hinguckt, kann man zwischen den Taschen für die Contax IIa und IIIa einen Unterschied sehen: die Tasche zur IIIa ist einige Millimeter höher, um den eingebauten Belichtungsmesser mit aufzunehmen. Mit meiner IIIa habe ich aber mal ausprobiert, daß sie auch in die kleinere Tasche paßt.
Ein kleiner Wermutstropfen ist, daß die Kameras in die geschlossenen Nachkriegstaschen tatächlich nur mit dem Normalobjektiv hineinpassen. Und dabei paßt (außer bei den versenkbaren Objektiven) noch maximal ein Filter mit drauf, den Objektivdeckel muß man da schon weglassen. Die Tasche zur (Vorkriegs-)Contax II ist da etwas großzügiger dimensioniert: Dort paßt die II auch mit aufgesetztem 35-mm-Weitwinkel hinein.
Wechselseitig kompatibel sind die Taschen übrigens nicht: Das Nachkriegsgehäuse ist anders geformt als die Vorkriegskamera und etwas kleiner.
À propos Vorkriegs- und Nachkriegs-Contax: diese ungewöhnliche Geschichte schreit nach einem kleinen...
Schlenker: Die Contax und die Politik
Man kann über die Leica M sagen, was man will. In einer Disziplin stellt die Contax sie weit in den Schatten: in Geschichts-Gehalt. Denn in der Contax spiegeln sich Brüche und Abgründe des vergangenen Jahrhunderts wie in wenigen anderen Kameras.
Auf den Markt kam sie in der traurigen Endphase der Weimarer Republik. "Die Camera von 1932", so wurde die Contax anfangs beworben.
Mit ihrem bahnbrechend lichtstarken Olympia-Sonnar 180 mm wurden ausgerechnet jene Olympischen Spiele 1936 verewigt, die es - Nazi-Lügenschau, die besonders die Sommerspiele waren - besser nie gegeben hätte. Und später fanden sich im Arsenal der NS-Kriegsberichterstatter neben Leicas und Rolleiflexen auch standardisierte Contax-Ausrüstungen mit Normalobjektiv, 135er, Aufstecksuchern und Ersatzfilmen in der maßgeschneiderten robusten Holzkiste.
Aber auch der legendäre Kriegsfotograf Robert Capa hatte, als er am D-Day 1944 mit den US-Truppen an der berüchtigten Omaha Beach an Land robbte, zwei Contax-II-Gehäuse (wahrscheinlich mit Normalobjektiven) dabei. Die Bilder, die er dabei für die Zeitschrift LIFE machte, gingen als "Magnificient Eleven" um die Welt. Und als Capa 1954 tragischerweise im Indochinakrieg auf eine Mine trat, fand man später bei ihm neben einer Nikon u.a. auch eine Contax IIa. Vielleicht die, die er auf einem kurz zuvor entstandenen Foto umhängen hat: in Bereitschaftstasche und mit einem 35-mm-Biogon.
Die Contax selbst war bei Zeiss Ikon in Dresden noch bis etwa 1942 gebaut worden - vor allem für den Export gegen Devisen. Bei den Bombenangriffen im Februar 1945 wurde auch die Contax-Fabrikation in Mitleidenschaft gezogen - vollends aber traf sie nach Kriegsende die Demontage. Die vollzog sich schubweise und auf komplizierten Umwegen über Jena - praktisch aber scheint in Dresden keine Schraube und kein Notizzettel zurückgeblieben zu sein. Auf dem sehr lesenswerten Portal ZeissIkonVEB kann man nämlich eine Quelle vom Oktober 1945 finden, die zeigt, wie man da in Dresden gerade plante, die eigene Kamera bis Sommer 1946 zu rekonstruieren - teilweise buchstäblich aus dem Gedächtnis. Es war ja nun mal alles weg. Geschafft haben die Dresdner Ingenieure das nie.
Viele ihrer Jenaer Kollegen waren kurz vor dem Abzug der US-Truppen von den Amerikanern mit in ihre Besatzungszone genommen worden; und von dort, aus Stuttgart, kam dann auch die besagte Nachkriegs-Contax: modernisierte Varianten der Contax II und III, zu erkennen am Zusatz "a". Gebaut wurden die IIa und IIIa bis Anfang der 60er Jahre; danach setzte Zeiss Ikon vor allem auf Spiegelreflexkameras. Das Profi-Erbe der Contax sollte vermutlich die Contarex antreten; aber das ist eine eigene (triste) Geschichte voller Pleiten und Fehlentscheidungen des Managements.
Die demontierte Fabrikation der Vorkriegs-Contax war im sowjetischen Kiew wiederaufgebaut worden, und dort baute man dann bekanntlich noch bis 1987 die "Kiew" als Kopie der Vorkriegskamera. Samt nachgebautem Systemzubehör und nachgebauten "Jupiter"-Objektiven. Die Contax II/III ist also unter zwei Namen über ein halbes Jahrhundert lang ohne prinzipielle Änderungen gebaut worden - sicher auch ein Rekord in der Geschichte der Fototechnik. Da gehörte die Fabrikation der Sucher-Contax auch im Westen längst der Vergangenheit an...
Aber zurück zur Praxis von heute:
Der Bajonettanschluß und das Thema "Schnelligkeit"
Für schraubende Leicenisten ist es etwas ungewohnt: Die Contax nimmt ihre Objektive über ein Bajonett auf - genaugenommen über ein Doppelbajonett. Die innere Sektion ist für die Normalobjektive gedacht. Die haben deshalb keinen Schneckengang, der steckt im Kamerabajonett. Die Entfernung verstellt man entweder, indem man wie gewohnt am Objektiv dreht, oder man nutzt das kleine Rädchen, das unter dem Mittelfinger der rechten Hand liegen sollte. Die Entfernungsskala sitzt, wie hier zu sehen, gleichfalls im Kamerabajonett:

Das galt in den 30er Jahren als besonders schnappschußtauglich: Mit dem rechten Mittelfinger stellte man die Entfernung ein, mit dem Zeigefinger löste man aus.
Mitunter wundern sich Leute im Netz, warum dieses Rädchen in der Unendlichstellung eine Arretierfunktion hatte (die man löst, sobald man den Mittelfinger auf das Rädchen legt und damit automatisch die kleine Verriegelung daneben runterdrückt). Die ist aber nötig, um das Normalobjektiv nach dem Lösen der Bajonettverriegelung komfortabel abnehmen zu können.

Das Außenbajonett nimmt alle anderen Objektive auf, wie dieses 135er. Dort hat der messing/schwarzfarbene Ring übrigens nichts mit dem Innenbajonett zu tun, sondern er dient zur Kupplung mit dem Entfernungsmesser in der Kamera. Über einen kleinen Hebel wird die Arretierung des Entfernungsrädchens beim Aufsetzen automatisch gelöst.
Vor dem Aufsetzen eines dieser Objektive sollte man das Innenbajonett auf Unendlich stellen (auch deshalb wird das Entfernungsrädchen am Gehäuse in dieser Stellung arretiert). Nach dem Aufsetzen dann auch den Entfernungsring des Objektivs, wenn nicht schon geschehen, auf Unendlich stellen. Mit einem leisen, aber satten metallischen "Schmack" rastet dann die Kupplung des Objektiv-Entfernungsrings mit dem Meßsucher-Mechanismus im Gehäuse ein.
Das Suchersystem
Hier landen wir bei dem entscheidenden Punkt, in dem die Contax mit der Leica M nicht mithalten kann. Mit dem Meßsucher haben wir hier eine Einrichtung vor uns, die Mitte der 30er Jahre State of the Art und Anfang der 50er Jahre immer noch ganz brauchbar war - aber mit der Leica M brach 1954 für Profis ein neues Zeitalter an.
Ähnlich wie die Schraub-Leica hat die Contax also noch keine variablen Leuchtrahmen für unterschiedliche Brennweiten. Damit muß man zu leben lernen - aber es gibt gute Hilfsmittel.

Zuvorderst empfehlenswert ist dieser sogenannte Universalsucher zum Aufstecken. Er ist nach einer Art Revolverprinzip aufgebaut und bietet - das ist der Clou - ähnlich wie bei der SLR immer ein gleich großes Sucherbild, egal ob man ein Weitwinkel-, Normal- oder Teleobjektiv aufsetzt. Also ein anderes Prinzip als bei den eingespiegelten Leuchtrahmen der Leica M.
Zeiss Ikon stellte den Universalsucher bereits in den 30er Jahren vor - der oben gezeigte ist ein Vorkriegsmodell -, und diese alten Sucher sind bis heute gut brauchbar. Wer Geld sparen möchte, kann auch auf sowjetische "KMZ"-Nachbauten zurückgreifen. In der Hoffnung, daß sie präzise zentriert sind.
Natürlich bedeutet es, daß man eine größere Parallaxe einkalkulieren und die Brennweiten jeweils manuell verstellen muß. Zum Messen und Einstellen der Entfernung muß man auf den kameraeigenen Meßsucher wechseln, dann wieder zurück zum Aufstecksucher. Den Parallaxenausgleich für kurze Entfernungen muß man am Aufstecksucher manuell nachregulieren. Aber alldas ging nun mal vor 75 Jahren noch nicht besser.
Zusätzlich bot Zeiss Ikon noch andere Bauformen von Aufstecksuchern an; die scheinen mir allerdings teilweise für die Praxis weniger brauchbar. Wenn man mal absieht von echten Spezialsystemen für besondere Objektive: das 21-mm-Biogon, das in den 50er Jahren eine Sensation war, und das 180-mm-Olympia-Sonnar, das (wie gesagt) rund um die Olympischen Spiele 1936 der Sportfotografie neue Dimensionen erschloß.
Dieses Sonnar ist in der Contax-Ausführung heute allerdings eher was für Sammler als für Fotografen: selten und teuer; die damals meistgefertigte Version benötigt einen höchst rudimentären Spiegelkasten. Und generell frage ich mich, ob man bei 180 mm mit einer SLR nicht doch besser unterwegs ist als mit einer Meßsucherkamera. Zumal etwas jüngere M42-Versionen aus Jena nur den winzigen Bruchteil eines optisch vergleichbaren alten Contax-Sonnars kosten.

Nur arg begrenzt komfortabel ist auch der hier abgebildete sogenannte Suchervorsatz für den Meßsucher: er eignet sich definitiv nicht für Brillenträger und ist auch für Nichtbebrillte gewöhnungsbedürftig, denn das Sucherbild ist relativ klein. Praktisch wird eine kleine viereckige Maske vor das Sucherfenster gesetzt, die den Bildausschnitt wahlweise für 85 und 135 mm eingrenzt; das Bild wird also noch kleiner als das Bild für die Normalbrennweite. Zusätzlich enthält der Sucher einen Parallaxenausgleich in Gestalt eines sehr kleinen Einblicklochs, den man manuell einstellt. Mit einem 1a-sauberen und hellen Contax-Sucher ist dieser Vorsatz am hellen Tage vielleicht halbwegs brauchbar - ich würde aber selbst dann den Universalsucher immer vorziehen.
Beinahe vergessen hätte ich die...
Blitzsynchronisation
Blitzen mit einer 50er-Jahre-Kamera ist nun wirklich was für Hartgesottene. Hier kommt noch der Punkt hinzu, daß die Contax erst ab ca. 1953 den üblichen Koax-Kabelanschluß erhielt. Nachkriegsgehäuse hatten zuvor eine mechanische Blitzsynchronisation, für die es Adapter auf das elektrische System gab, die man auch heute noch gebraucht findet.
Vorkriegsgehäuse hatten ab Werk gar keine Synchronisation; häufig aber findet man heute solche Kameras mit Koax-Kabelanschluß: Dort wurde die Synchronisation nachträglich eingebaut. Auf dem Bild der Contax II oben kann man den Anschluß links vorn am Gehäuse sehen.
Kürzeste Blitzsynchronzeit des Nachkriegsverschlusses übrigens 1/50 sek. Zum Vorkriegsverschluß habe ich in den alten Büchern naturgemäß keine Angaben gefunden.
Die Objektive: Grundsätzliches
Spätestens hier wird es interessant, denn man kann nach Herzenslust einen Vorzug der Analogfotografie im 21. Jahrhundert ausleben: Bilder mit Charakter machen. Siehe das Farbbild oben. Die Sonnare und Biogone etc. zur Contax waren vor 75 Jahren Weltspitze; im Vergleich zu computergerechneten Objektiven der digitalen Gegenwart offenbaren sie naheliegenderweise ihre Schwächen - aber die kann man sich als "Charakteristika" zunutze machen.
Alle meine Objektive habe ich übrigens nach dem Kauf bei Foto Olbrich in Görlitz überholen lassen, und das hat sich gelohnt. Festgestellt wurden dort bei den Normalbrennweiten deutliche Putzspuren auf den Frontlinsen. Praktisch gestört haben die mich allerdings bislang nie.
Grundsätzlich haben wir hier zwei Sorten Objektive vor uns: unvergütete aus der Vorkriegszeit und vergütete, die fast ausschließlich aus der Nachkriegszeit stammen. Nebenbei: Vorkriegsobjektive haben nach meinem Eindruck meist die schwere Messingfassung, Nachkriegsobjektive überwiegend eine Fassung aus Leichtmetall. Überwiegend - aber offenbar nicht durchgängig.
Als zweite Unterscheidung gibt es Objektive aus der Fertigung von Carl Zeiss Jena (beginnend 1932) und wiederum andere von Zeiss Oberkochen. Oberkochener ausschließlich aus den Nachkriegsjahren. Sie sind zu erkennen an den Gravuren "Zeiss-Opton" (Abkürzung für "Optische Werke Oberkochen") oder (ab den frühen 50ern) nur "Carl Zeiss" ohne "Jena".

Um das Vergütungs-Kuddelmuddel etwas zu erhellen: Vergütete Objektive aus Jena und von Zeiss-Opton sind mit einem roten "T" (für "Transparenz") versehen - wie man es hier auf einem 8,5-cm-Sonnar von 1946/47 sehen kann. Bei der jüngeren Gravur "Carl Zeiss" (Oberkochen) ließ man das "T" bereits weg, weil vergütete Linsen der Standard waren.
Alles also, wo "Carl Zeiss Jena" ohne "T" draufsteht, ist unvergütet. Wie bei diesem 135er von 1938. Man sieht es natürlich auch an den farblos reflektierenden Linsenoberflächen.

Da ist nun der Geschmack gefragt: nach herkömmlichen Maßstäben ziehen unvergütete Objektive bekanntlich klar den Kürzeren, denn sie liefern weniger knackige Kontraste, weniger satte Farben und sind streulichtanfälliger.
Sehen kann man das hier auf Fujichrome Velvia 50: ich war bei gewittrigem Herbstwetter unterwegs und habe verglichen: das unvergütete 50-mm-Sonnar von 1937...

... und das zehn Jahre jüngere vergütete 85er:

Umgekehrt aber können die älteren Objektive mit ihren Schwächen bei bestimmten Lichtsituationen bemerkenswerte Effekte in ein Bild einbringen.
Mir ist das aufgefallen, als ich mit dem unvergüteten Normalobjektiv im abendlichen Nantes unterwegs war (Fomapan R100-Diafilm) :

Mal abgesehen von der von mir verschuldeten Verwacklungsunschärfe bei 1/2 sek. setzte das Sonnar mit seinen Überstrahlungen dem Bild für meine Begriffe das i-Tüpfelchen auf. Um das Kirchenfenster im Hintergrund herum ergaben sich eigentümliche Kontrast-Abstufungen, die ich mir nicht so recht erklären kann, die uns aber gleich noch mal begegnen werden.
Auch bei weicherem Licht kann dieses unvergütete Sonnar seinen Charme entfalten - hier mittags im Dresdner Hauptbahnhof:

Anders sieht es aus bei schwierigen Lichtsituationen, Stichwort Streulicht. Hier war ich bei dünner Bewölkung und leicht hindurchscheinender Sonne am Cholerabrunnen in Dresden: Fomapan R100.

(Vergütetes Sonnar 1:2 / 8,5 cm von 1946/47, mittlere Blende)
So wiederum sah es mit dem unvergüteten 1937er 1:2 / 5-cm-Sonnar aus:

Warum ich die Lichtstärke 1:2 beim 50er dazugeschrieben habe? Weil das in der Epoche der Contax ein großes Thema war...
Die gebräuchlichsten Objektive im einzelnen
Normalobjektive
Bekannt geworden ist die Contax zuerst mit ihren Normalbrennweiten, und mit denen fangen wir an: Es gibt neben zwei Tessaren 1:3,5 und 1:2,8 zwei Sonnare - die heute sicherlich die interessanteren sind, denn Tessare aus der damaligen Zeit gibt es heute für Exakta, M42 und viele andere Anschlüsse wie Sand am Meer. Und während man damals mit einem Tessar viel Geld sparen konnte, sind Tessare zur Contax heute nicht mehr so arg viel billiger als das 1:2-Sonnar.
Dieses 1:2-Sonnar 50 mm scheint so was wie die gehobene Standardausstattung vieler Contaxe zu sein, die man heute auf dem Markt findet. Ich bin auf diese Art an die unvergütete 1937er Version und an die etwa zehn Jahre jüngere vergütete Variante gekommen. Beide sind in der Praxis unproblematisch und angenehm zu nutzen - mit den erwähnten Spezifika je nachdem, ob vergütet oder unvergütet.

Man kann mitunter lesen, daß Oberkochener Objektive qualitativ besser seien als die etwas älteren vergüteten aus Jena. Teilweise gibt es unterschiedliche Rechnungen, da könnte das der Fall sein. Ich hatte aber noch keine Gelegenheit, das zu vergleichen.
Zur Legende geworden ist das 50-mm-Sonnar 1:1,5, das bereits 1931 erstmals gerechnet wurde und mit Einführung der Contax (I) 1932 gewaltig Eindruck machte. Es wurde schon in den 30ern und möglicherweise später noch einmal neu gerechnet. Und immerhin hat Zeiss in diesem Jahrtausend abermals eine Neurechnung dieses Klassikers mit Leica-M-Bajonett vorgestellt. In diesem Testbericht und auch hier werden Spezifika sehr schön geschildert - hier findet man einen direkten Vergleich zum "neuzeitlicheren" Planar 1:2/50 ZM.
Wobei die "originalen" alten Optiken natürlich noch mal eine ganze Portion mehr Charakter mitbringen. Jedenfalls für den, der das so mag. Unterschiede zwischen ihnen und der "Neuauflage" kann man hier nachlesen, auch was das beliebte Thema "Bokeh" betrifft.
Beachten sollte man beim 1:1,5er "Original", daß es dort (wie ich von einem altglas-erfahrenen Profifotografen erfuhr) zumindest im Nahbereich um 1 m eine leichte Fokusdifferenz je nach eingestellter Blende gibt. In diesem Testbericht des neuen C-Sonnar kann man Beispielfotos finden. Hier wird es mit technischen Details erläutert. Welche praktische Relevanz das bei den alten Originalen hat und wie man damit praktisch umgehen kann, weiß ich leider nicht zu sagen, da ich das Objektiv nie zur Verfügung hatte.
Charakteristisch zu sein scheint aber speziell für die unvergütete Version, daß es Eigenheiten, wie sie oben zur 1:2er Version anklangen, noch mal verstärkt. Speziell was Überstrahlungen angeht.
Das verbreitetste Teleobjektiv
Für viele Leute war nach dem 50er das zweite Brot-und-Butter-Objektiv ein 135er. Da haben wir es hier mit dem bekannten Sonnar 1:4 zu tun. Wie vorhin das 50er 1:2 und nachher auch das 35-mm-Biogon besitzt es ein 40,5-mm-Filtergewinde.
Ich hatte das Glück, neben einem vergüteten Zeiss Opton (ca. 1952) letzten Sommer an das oben abgebildete unvergütete Jenaer Objektiv von 1938 zu kommen. Analogaufnahmen damit habe ich noch nicht entwickeln können; die Streulicht- und Kontrastunterschiede dürften ähnlich sein wie oben beim Normalobjektiv.
Auf Film bescherte mir das vergütete 135er Sonnar bereits den ungewöhnlichen Effekt vom obigen Farbfoto des Gewerbehofes. Ich frage mich, ob dieser Effekt evtl. ein Sonnar-Charakteristikum ist. Denn in einem Artikel über das neugerechnete 50-mm-ZM-Sonnar taucht er auf einem Digitalbild auch auf, wenn auch in stark abgeschwächter Form: speziell an den Fensterrahmen und -scheiben leicht links der Bildmitte.
Neben den Normalobjektiven scheint das 135er Sonnar zu Contax-Glanzzeiten am meisten verkauft worden zu sein. Jedenfalls findet man es heute relativ häufig und folglich zu guten Preisen auf dem Gebrauchtmarkt.
Das Portrait-Tele par excellence
Gehen wir in der Brennweitenskala eine Stufe runter und landen bei einem der Zeiss-Klassiker zur Contax: Als diese Optik in den 30ern auf den Markt kam, schlug sie mit ihrer Bildqualität ob der Lichtstärke wie eine Bombe ein. Das Sonnar 1:2 / 85 mm.
Bekanntlich gab es zur Zeit der ersten Rechnung dieser Optik noch keine Vergütung. Zeiss hätte also vielleicht ein sechslinsiges Planar auf die Beine stellen können, in dem hätte man aber ob der vielen Glas/Luft-Flächen (übertrieben ausgedrückt) außer Streulicht nicht viel mehr gesehen. Da war Ludwig Berteles Sonnar mit seinen nur drei Elementen und entsprechend weniger zahlreichen Glas/Luft-Flächen die Lösung.
Mein Exemplar ist ein Jenaer Stück aus der Zeit um 1946/47, mit Entfernungsskala in Fuß. Vielleicht dachte man in Jena an devisenstarke Käufer in der westlichen Hemisphäre (geht man nach Henry Scherer, sind viele Contaxe an zahlungskräftige Käufer in den USA gegangen).
Das "Achtfünfer" (wie man es früher ob seiner Brennweite in Zentimeter nannte) läßt sich unkompliziert einsetzen. Praktisch stelle ich also (wie beim 135er schon) die Entfernung im Meßsucher ein und wechsle dann auf den aufgesteckten Universalsucher. Anders als das 50er, 135er und das gleich noch kommende 35er hat das 85er allerdings ein 49-mm-Filtergewinde.
Als Beispielbild starten wir mal mit einer Parallelaufnahme des besagten Krefelder Gewerbehofes auf Fomapan R100, Blende 2. Auch hier scheint es mir wieder die eigentümliche Abstufung an den Streben der Fensterrahmen zu geben:

Auch auf dem zweiten Beispielbild habe ich im Projektor etwas in der Richtung bemerkt: bei dem Fenster unten rechts. Ring-Café in Leipzig, mittlere Blende, Orangefilter, Fomapan R100 (der Scan zeigt es leider nur etwas verwaschen) :

Schummriger wurde es hier - da kann man streiten, ob ein halbwegs neuzeitliches 85er Planar (Contax/Yashica) nicht überzeugendere Kontraste gebracht hätte:

Um jenes 85er Planar und das alte Sonnar mal zu vergleichen, habe ich noch mal ein bißchen mit Hardcore-Kontrasten gespielt: beide bei Blende 2 an der Sony A7 (I) - hier das 1947er Sonnar:

Auch die T*-Vergütung hat mit diesen brachialen Lichtquellen zu knapsen, aber man merkt die 30 Jahre Entwicklung:

Eine Domäne des alten Sonnars wiederum sind Portraitaufnahmen - oder auch solche Bilder aus Kirchenräumen (Blende 2, 1/10 sek, Fomapan R100, Freihandaufnahme, Contax IIIa) :

Welch eigenwillig-außergewöhnliche Resultate dieses Sonnar mit seinen zeittypischen Unvollkommenheiten auf einem Digitalsensor liefert - darauf bin ich neulich in einem Nachbarforum gestoßen. Es ist, wie mir der Fotograf auf Nachfrage versicherte, die vergütete Version - ähnliches Baujahr wie meines:
Ein Paradebeispiel (finde ich) dafür, daß diese alten Optiken bei ganz bestimmten Lichtbedingungen und Motiven beachtliche Stärken ausspielen können. Das ist nun mal eine andere Disziplin als die von Schärfe und Brillanz, in der sie vor Jahrzehnten brillieren konnten - es ist eher die Disziplin "Malerischer Effekt".
Außen vor lasse ich jetzt mal einige andere Teleobjektive, da ich sie nicht habe: das Triotar 1:4 / 85 mm, einst ein Objektiv für Sparfüchse, wird heute nicht mehr sooo viel billiger gehandelt als das Sonnar; es ist wohl eher was für eingefleischte Dreilinser-Fans. Zum 180-mm-"Olympia"-Sonnar, das ich in zwei SLR-Versionen aus Jena und Oberkochen habe, siehe oben; und auch das Tele-Tessar 1:6,3 / 180 mm hat mich zur Sucher-Contax nicht recht interessiert. Schon gar nicht taten es Exoten wie das 300-mm-Sonnar.
Weitwinkelobjektive
Da ich weder das legendäre 21-mm-Biogon habe, noch das Vorkriegs-Tessar 1:8 / 28 mm, das Biometar 1:2,8 / 35 mm oder das Planar 1:3,5 / 35 mm, beschränke ich mich mal auf ein bewährtes Stück aus den frühen 50ern: das Biogon 1:2,8 / 35 mm.
Hier muß man als Nutzer einer Nachkriegs-Contax gut aufpassen. Es gibt nämlich zwei Versionen des 35ers
: die Vorkriegs-Rechnung aus Jena ist etwas voluminöser und paßt deswegen nur in den etwas größeren "Innenraum" der Vorkriegs-Contax. Das gilt sicherlich auch für die sowjetischen "Jupiter"-Nachbauten des Biogons, denn die dürften alle auf der Vorkriegsversion basieren.
Die Nachkriegskamera hat modifizierte Verschlusslamellen. Deshalb paßt auf sie nur das etwas kleinere Nachkriegs-Biogon, das Anfang der 50er Jahre gerechnet wurde. Erkennbar sind diese Objektive an der Gravur "Zeiss Opton" oder "Carl Zeiss" - ohne "Jena".
Einsatz: unproblematisch. Für mich ein typisches 35er Weitwinkel. Seine Abbildungsqualitäten müssen nach den Maßstäben der frühen 50er Jahre sehr gut gewesen sein.

(Dresdner Zwinger, Biogon mit offener Blende, Gelbgrünfilter bei bedecktem Himmel, Fomapan R100.)
70 Jahre nach dem letzten Profi-Einsatz: die Contax heute in der Praxis
Es klang ja schon an: In der Handhabung ist die Contax 1954 wie 2024 vor allem ob ihres Suchers keine Konkurrenz zur Leica M. Das alte Zeiss-Ikon-System punktet heute indessen durch seinen günstigen Gebrauchtpreis. Von so viel Meßsucher-System für so wenig Geld kann ein Leicenist letztlich nur träumen.

Freilich: Die Schraubleica hat der Contax die Kleinheit voraus; auch wenn die Contax IIa mit versenkbarem Sonnar nur anderthalbmal so breit, ebenso hoch und nur etwas weniger flach ist als die Taschenkamera Rollei 35 - sie paßt gut in die Hand, wie hier zu sehen. Die IIIa mit ihrem Belichtungsmesser ist schon locker so breit und hoch wie die kleine Pentax MX, nur flacher. Und mir persönlich hat das elegant gerundete Leica-Gehäuse immer besser gefallen als der typische Zeiss-Ikon-Ziegelstein.
Aber hier geht es ja um ein Fotografier-Werkzeug, und als ein solches dürfte die Contax die Schraub-Leica (nicht die Leica M, versteht sich) letztlich abgehängt haben.
Zumal man bei Zeiss Ikon Anfang der 30er offenbar in Untersuchungen herausfand, daß die "Ziegelstein"-Form Freihandaufnahmen bei langen Zeiten erleichtere. Ich habe die Contax da noch nicht mit der Schraubleica vergleichen können, aber im Bereich von 1/10 oder 1/5 sek ließ es sich auch mit dem 85er Sonnar noch relativ gut an.
Das Filmeinlegen ist neuzeitlicher als bei der Schraubleica, allerdings muß man etwas mehr aufpassen als bei einer typischen SLR: Die Original-Filmaufwickelspule aus Plastik ist an ihrer innenliegenden und damit verdeckten Nase für den Eingriff in die Filmperforation nämlich nach 70 Jahren möglicherweise verschlissen. Nach meiner Erfahrung klappt es gut, wenn man den Film, wie hier zu sehen, mit Spannung über die Zahntrommel (deren Zähne natürlich korrekt in die Perforation greifen sollten) zur Aufwickelspule führt und dann die Rückwand aufsetzt. Geht man schlampig zu Werke, rutscht das Filmende möglicherweise von der Aufwickelspule. Das merkt man dann beim ersten Transportieren daran, daß der Rückspulknopf sich nicht mitdreht - dann heißt es: alles noch mal von vorn.

Das hat die Ihagee bei der Exakta mit ihrem Klemmsystem unter einer Metall-Lasche (und einer Vollmetallspule) ungleich besser gelöst als Zeiss Ikon bei der Contax.
Man kann die alternative Fixiermöglichkeit in der Mitte der Achse nutzen, dazu muß man allerdings das Filmende passend zuschneiden und verliert bei vorkonfektionierten Patrionen 10 cm Film. Nur bei Meterware geht das verlustfrei.
Zum Glück kann man aber auch die Contax-Aufnahmespule herausnehmen und sie ersetzen: Ich tendiere mitunter dazu, die Spule aus einer geöffneten Ilford 80er-Jahre-Filmpatrone zu nehmen und das Filmende darauf mit etwas Klebeband zu fixieren.
Die abnehmbare Rückwand selbst wird zeiss-ikon-typisch von "hinten unten" aufgesetzt, ein Stück nach oben geschoben und dann mit den zwei Drehriegeln auf der Unterseite verriegelt.
Mit dieser Verriegelung zusammenhängend gab es auch ein contax-eigenes System mit Spezial-Filmpatronen, die man heute noch gebraucht bekommen kann und mit denen man von einer Patrone in die andere spult. Das habe ich allerdings nie näher erkundet.
Die eigentliche Bedienung ist danach selbsterklärend: Wer auch nur irgendeine Kamera der 50er Jahre mal in der Hand hatte, findet sich sofort zurecht.
Auffallend für die 30er und noch in den 50ern nicht selbstverständlich: Alle Zeiten, auch die langen, werden über einen einzigen Knopf eingestellt. Beim Verschlußablauf bewegt sich "draußen" nichts. Hatte ich für nebensächlich gehalten - bis mir letztens bei der Exakta (mangels Übung) nach dem Auslösen ein Finger am Verschlußzeitenrad saß, wodurch der Verschluß nicht ablaufen konnte. Das kann auch bei der Schraubleica passieren, bei der Contax nicht.
Die Entfernung mißt man natürlich via Meßsucher. Einstellung am Objektiv bzw. beim Normalobjektiv auch wahlweise über das besagte Rädchen.
Manche haben sich mokiert darüber, daß man ständig darauf achten müsse, das rechte Entfernungsmesserfenster nicht mit der Hand zu verdecken. Dazu hat Heinrich Freytag 1938 in seinem Buch Contax-Praxis für die rechte Hand die sogenannte "Contax-Haltung" beschrieben: Kamera normal greifen, dann den Zeigegfinger auf den Auslöser, den Mittelfinger aufs Entfernungsrädchen, Ringfinger ggf. etwas nach unten, damit das Fenster freie Sicht hat. Klingt komplizierter, als es ist. "Feste üben!" empfahl Freytag.
Der Objektivwechsel erinnert mich ein wenig an das Canon-FD-Bajonett, zumal die Entriegelung bei den Objektiven mit Außenbajonett an ähnlicher Stelle sitzt. Der Wechsel ist also ähnlich hakelig wie beim FD, und er geht auch nicht so ratzfatz schnell einhändig wie bei der Exakta, bei der Leicaflex oder auch beim Contax/Yashica-Bajonett. Das 85-mm-Sonnar kann man gut mit einer Hand abnehmen (um mit der anderen Hand z.B. ein Normalobjektiv aufzusetzen). Beim 135er wird das etwas schwieriger - je nachdem, wie stramm es im Bajonett sitzt; beim 35er Biogon ist es fast unmöglich. Man braucht also zwei Hände. Auch beim Abnehmen des Normalobjektivs braucht man mindestens einen Finger der zweiten Hand, um den federnd arbeitenden Riegel des Bajonetts nach unten zu drücken.
Trösten kann man sich damit, daß hier alles in solidem Metall ausgeführt ist - also keine Plastik-Entriegelungsknöpfe wie etwa bei der Leicaflex SL.
Beim Ablegen z.B. in der umgehängten Fototasche sollte man den nicht benötigten Objektiven Deckel gönnen: Speziell die Hinterlinse des Biogon liegt hoch kratzergefährdet; und im Ganzen sind die Vergütungen (und manchmal auch die Glassorten) nicht so hart wie neuzeitliche Pendants.
Was die Objektive selber angeht und die Frage "Vergütet oder unvergütet", tendiere ich nach den jüngsten Testfilmen dazu, unvergütete Objektive für Situationen mit hartem Licht, greller Sonne oder auch starken Kontrasten in der Dunkelheit mitzunehmen, siehe oben das Bild aus Nantes. Immer dann, wenn es etwas poetischer werden darf.
Vergütete Objektive würden sich dann auch für den Poeten empfehlen für Licht mit schwachen Kontrasten, diffuses Licht, Außenaufnahmen bei bewölktem Himmel etc. Aber natürlich auch bei kritisch ins Objektiv fallendem Seiten- oder Gegenlicht. Für Aufnahmen, bei denen es nicht um sonderliche "Poesie" geht, ohnehin.
Das Auslösegeräusch verändert sich kurioserweise auch bei kurzen Zeiten: Während es bei der 1/1250 sek. typisch leise klickt mit einer gewissen "Schärfe", verändert sich das hin zur 1/25 sek. mehr und mehr zu einem sanften Schnalzen, es wird also tendenziell noch leiser. Beim Hemmwerk, das ab 1/10 sek. arbeitet, haben sich die Konstrukteure wirklich ins Zeug gelegt: flüsterleise.
Hier ist wohlgemerkt die Rede von der Nachkriegs-Contax. Die Verschlußrollos der Vorkriegskameras knallen wie die Titanrollos der Contax RTS II, und ihre Hemmwerke machen einen ähnlichen Krach wie das Werk der Exakta Varex VX.
Der Belichtungsmesser der Contax IIIa nutzt zeittypisch eine Selenzelle. An meiner Kamera funktioniert er noch und zeigt sogar überwiegend plausible Werte an; aber auf ihn verlassen möchte ich mich nur, wenn ich wirklich keinen anderen zur Hand habe.

Grundsätzlich hat er seine gewollten Eigenheiten: Die Schutzkappe - hier offen zu sehen - schirmt stets sehr stark das Licht "von oben", also vom Himmel ab. Die gemessenen Werte sind also dadurch schon mal reichlich. Andererseits dürfte das hier zu sehende 8,5-cm-Sonnar auch mal Licht in die Zelle reflektieren - mit demselben Problem hatte auch die erste Leicaflex 15 Jahre später zu kämpfen. Anders als Leitz in den 60ern lieferte Zeiss nach 1936 zur Contax aber keine schwarzen Objektive mehr.
Das Meßwerk selbst - wie man im "Contax-Buch" von Otto Croy nachlesen kann - auf "Feinkornfilm" eingerichtet. Das bedeutet: die Zeit wird auch insofern sehr reichlich gemessen, im Schnitt gezielt eine Blende zu reichlich.
Jetzt muß man allerdings berücksichtigen, daß um 1960 das DIN-System umgestellt worden ist: Bisheriger 18-DIN-Film wurde jetzt zum 21-DIN umdeklariert. Das macht also den von Croy beschriebenen vormaligen Effekt wieder wett, und man kann den Beli der Contax IIIa ganz normal einstellen - bekanntlich auf die zweite Zahl der ISO-Wertangabe. Bei einem Ektachrome E100 also auf 21 DIN (eine ASA-Skala ist nur bei Exportmodellen eingraviert).

Bedient wird der "Beli", indem man am äußeren Chromring dreht und damit den Zeiger im Meßfenster auf die dort sichtbare Raute einstellt. Dann kann man links auf den runden Skalen die Zeit/Blendenkombination ablesen. Hier oben 1/25 sek. für Blende 2.
Gekuppelt ist der Belichtungsmesser nicht. Das gab die Konstruktionsgrundlage aus den 30ern - als der eingebaute Beli noch revolutionär war - nun doch nicht mehr her.
Als jahrzehntelanger ausschließlicher SLR-Nutzer hatte ich zu Beginn Eingewöhnungsschwierigkeiten, was den prinzipiellen Umgang mit Sucher und Objektiven anging. Contax-spezifisch muß man also ggf. am Universalsucher die passende Tele- oder Weitwinkel-Brennweite einstellen. Nach ein paar Filmen war die nötige Übung aber da, und bald wurde es zur Routine. Oft habe ich am Universalsucher eine Telebrennweite eingestellt und wechsle dann beim schnellen Wechsel aufs Normalobjektiv auf den eingebauten Meßsucher, ohne den Universalsucher nachzujustieren.
Die gewohnte TTL-Messung fehlt natürlich auch; aber dadurch bedingt habe ich die Lichtmessung mit dem Gossen Lunasix F zu entdecken begonnen und unternehme erste Schritte mit dem Zonensystem.
Zum Thema Robustheit beisteuern kann ich die Erfahrung, daß meine frisch überholte Contax IIa während eines Fototermins einmal mit aufgesetztem Normalobjektiv aus Brusthöhe ungebremst auf eine Wiese fiel. Sie funktionierte anschließend immer noch und funktioniert bis heute. Sogar bei bekannt kritischen Verschlußzeiten (s.u.).
Ein Tip noch: Wie man in gutinformierten Texten lesen kann, sollte man eine Contax nicht ewig lang in gespanntem Zustand im Schrank liegen lassen. Wenn lange Lagerung, dann mit entspanntem Verschluß.
Will man es richtig amtlich machen, dann sollte man Henry Scherer zufolge ungenutzte Gehäuse alle zwei Wochen mal in die Hand nehmen und alle Verschlußzeiten auslösen. Dann bleibt der Verschluß in seinen Schmierungen fit und gut gängig. Bei meinen mit Farbfilm geladenen Kameras dauert es meist allerdings deutlich länger als zwei Wochen, bis ich sie wieder auslöse. Bislang ohne sonderliche Probleme.
Manufaktur-Kamera: Erfahrungen beim Kauf
Vorab ein Wort zum Thema der "Kiew", der sowjetischen Vorkriegs-Contax-Kopie. Kurioserweise wird die - verglichen mit dem Dresdner Original - gleich ihren "Jupiter"-Objektiven zu vergleichsweise hohen Preisen gehandelt. Ich erkläre mir das u.a. daraus, daß Kiews und Jupiter-Objektive aufgrund ihrer schieren Stückzahl international womöglich bekannter sind als das deutsche Original. Das scheint die Nachfrage anzukurbeln.
Dazu beitragen dürfte, daß man den sowjetischen Jupiter-Objektiven Eigenschaften zuschreibt, die bei Licht betrachtet auf die Sonnare und Biogone zurückgehen, deren Kopien sie sind. Klar, die optischen Mängel der Jupiters kann man - wie ich das oben bei den Zeiss-Optiken gemacht habe - auch unter "Charakteristika" verbuchen. Unlängst allerdings tauchten ukrainische Angebote film-getesteter Kiew-2 mit Jupiter-Pendants zu 1:2/50-mm-Sonnaren auf, die preislich sogar über vergleichbaren Contax II lagen - davon würde ich eher die Finger lassen.
Geht man nämlich nach Henry Scherer, dann ist das Hauptproblem dieser Kamera und ihrer Jupiter-Objektive die Qualitätsstreuung schon ab Werk. Mr Scherer zufolge kann man Glück haben und sehr gute Examplare erwischen; ebenso kann man aber auch was Lausiges bekommen. Beispiel Verschlüsse : "Kiev shutters range in quality from a "10" (equivalent to German quality), to a (1) (real trash)." Ob man sich so was heute für vergleichsweise viel Geld antun möchte, ist sicher eine individuelle Entscheidung.
Alles in allem dürfte das Preis/Leistungs-Verhältnis selbst bei einer Vorkriegs-Contax besser sein als bei einer Kiew. Bei Nachkriegsmodellen ohnehin. Auch vergütete Zeiss-Jena-Objektive, deren Rechnungen bis in die späten 40er die Weltspitze markierten, dürften im Schnitt besser sein als ihre sowjetischen Kopien aus den 50ern.
Denn von Qualitätsstreuung ab Werk konnte man weder bei der Vorkriegs-, noch bei der Nachkriegs-Contax ernsthaft sprechen. Und bei Jenaer Objektiven sicher noch weniger.
Offenkundig sollte man sich die Dresdner Contax-Herstellung der 30er und auch noch die Stuttgarter der 50er Jahre nicht als Massenfabrikation vorstellen, sondern eher als Manufaktur, in der Spezialisten mit einer Menge Erfahrung (auch die dürfte es in Kiew nicht in dieser Massierung gegeben haben) jede einzelne Kamera zusammensetzten.
Bei einer gebrauchten Contax ist man also heute vor allem mit typischen altersbedingten Problemen konfrontiert (die bei Kiews noch obendrauf kommen dürften).
Wie jede hochwertige Kamera aus der mechanischen Epoche würde ich auch eine Contax nach dem Kauf so bald wie möglich kompetent warten, reinigen, neu schmieren und evtl. Defekte beheben lassen.
Die Gehäuse sollte man wie gewohnt bei 50er-Jahre-Kameras vor dem Kauf gründlich testen. Sorgen um Lichtdichtungen braucht man sich nicht zu machen: die Kamera hat keine, weil sie sie nicht braucht.
Bekanntermaßen ist der Contax-Verschluß eine berüchtigt hochkomplexe Angelegenheit: Zeiss Ikon musste den Verschluß konstruieren, ohne Leitz-Patentrechte zu verletzen - heraus kam eine eigenständige Technik mit eigenen Tücken; kein Wunder, daß Nikon sich in den 50ern lieber am Leica-Verschluß orientiert hat. Also alle Zeiten mit abgenommener Rückwand und abgenommenem Objektiv durchtesten - auch die kurzen. Oft nämlich geht der Verschluß bei 1/1250 sek. nicht bei jeder Auslösung korrekt auf. Das hängt - ich berufe mich abermals auf Henry Scherer - mit der Federsteuerung der kurzen Zeiten zusammen.
Sollte es hier Probleme geben, muß da ein Reparateur mit Kenne ran - Mr Schwerer zufolge bringen Hauruck-Manipulationen an der Feder nicht viel. Für Hobbyschrauber dürfte eine Sucher-Contax im Ganzen ein denkbar ungeeignetes Versuchsobjekt darstellen: sie scheint ungleich komplizierter zu sein als eine Leica oder Nikon.
Da der Verschluß also höchst diffizil zu warten ist, würde ich von vornherein nur ein Gehäuse kaufen, in dem der Verschluß funktioniert. Bei den anderen kann man direkt dreistellige Reparaturkosten dazurechnen. Gut, auf die 1/1250 sek. kann man verzichten. Aber die anderen Zeiten sollten es schon tun.
Denn Defekte kann man zwar beheben lassen; aber Werkstätten, die das können, sind sehr viel seltener als z.B. Werkstätten für die Leica. Zum Glück gibt es nach wie vor einige. Man sollte dort aber vorher nachfragen - und sie keinesfalls mit Werkstätten verwechseln, die sich auf die Contax/Yashica-SLR oder auch nur auf die Dresdner Spiegel-Contax spezialisiert haben. In denen steckt eine komplett andere Technik.
Ich hatte bei meinen drei Gehäusen, obwohl ohne vorherige Ansicht nur aufgrund der Artikelbeschreibung und via Versand gekauft, das nötige Glück: eine Contax IIa und eine II belichteten einwandfrei ihre Probefilme, bekamen dennoch sicherheitshalber eine Grundüberholung, was pro Stück 200 € kostete (wobei die II allerdings nach einem Jahr die besagten Fehler bei den kurzen Zeiten ab 1/250 sek. zeigte - sie ist momentan noch in der Werkstatt). Eine IIIa, die ich seit knapp zwei Jahren habe, harrt (weil ich noch auf die Fertigstellung der besagten II warte) noch ihrer CLA, funktionierte aber gleichfalls vom Fleck weg - erst kürzlich sind mir einzelne Fehler bei der 1/1250 und bei B aufgefallen. Damit kann ich aber fürs erste gut leben. Auf einer ganzen Reihe Filme von diversen, auch strapaziösen Reisen mit einigem Geschüttel hat die Kamera bislang keine Ausfälle gezeigt.
Zu den Zeiss-Objektiven gibt's da nicht viel zu sagen: Man sollte auf dieselben Dinge achten wie bei jedem anderen älteren Objektiv.
Plus:
Minus:
Michael

Wir bewegen uns damit in die Spezialdisziplin: Viel Kamera für wenig Geld. Untergruppe: Meßsucher.
Denn normalerweise kosten qualitativ gute Meßsucherkameras mit ihren Wechselobjektiven eine Stange Geld. Das ist hier anders - die Zeiss Ikon Contax segelt heute nämlich auf dem internationalen Markt weit unter dem Radar markenbewußter Sammler.
Eine Kamera, die maßgeschneidert war und ist, um besondere Objektive einzusetzen: die legendären Zeiss-Sonnare von Ludwig Bertele. Die rangieren zwar 90 Jahre nach ihrer ersten Rechnung längst nicht mehr in der Kategorie "Schärfemonster". Aber dafür bringen sie je nach Licht ganz eigene Charaktereigenschaften aufs Bild...

Hier hatte ich bei mittäglicher Herbstsonne in einem alten Gewerbehof in Krefeld das vergütete 135-mm-Sonnar auf der Contax IIa - Fujichrome Velvia 50, offene Blende, Filter KR 1,5.
Ein Objektiv, das dann bei anderem Licht wiederum ganz anders abbildet - Fomapan R100, eine Statue in Halle an der Saale, Vormittagslicht im Frühjahr, Rollei Orangefilter:

Es gibt also schon bei einer einzigen Sonnar-Brennweite viel in Sachen "Charakter" zu entdecken...
Warum eine Contax??
Bekanntlich existiert beim Meßsucher so eine Art Goldstandard: die Leica M. Daß sie noch 2025 diesen Status hat, illustriert, welch ein großer Wurf die M3 gewesen sein wird, als sie vor 70 Jahren auf den Markt kam. Für heutige Fotografen hat das Ganze allerdings einen Haken: Wie unlängst noch in einem Nachbarforum aufgelistet wurde, darf man für eine sofort einsatzfähige M3 mit einem 1:2-Normalobjektiv an die 2.000 € berappen.
Da ist mir doch einigermaßen die Kinnlade usw.
Wer sich das leisten kann oder will, der braucht jetzt eigentlich nicht mehr weiterzulesen.
Bei wem das aber (wie bei mir) nicht der Fall ist, der möchte womöglich trotzdem die großen Vorzüge einer Meßsucher-Ausrüstung genießen: Meßsucherkameras sind viel leichter herumzutragen als vergleichbare SLR-Ausrüstungen. Man spart locker ein Drittel Gewicht ein.
Und: Meßsucherkameras sind viel, viel leiser als SLRs!
Wer schon mal (wie ich) auf die Schnapsidee gekommen ist, in einem belebten Berliner Szene-Café mit einer motorisierten SLR Portraitbilder machen zu wollen, der wird hinterher wissen, wo der Haken lag: beim Krach, den die Kamera gemacht hat
Was also tun, wenn die Leica, die Nikon oder die edle Zeiss Ikon ZM zu teuer sind? Die Lösung heißt: Zeiss Ikon Contax.
Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, ein historisches Kamerasystem zur Konkurrenz für die Leica M hochzujubeln. Nicht umsonst war es gerade die M-Leica, die die Sucher-Contax Mitte der 50er Jahre definitiv aufs Altenteil schickte. In der M3 steckten fast 20 Jahre Weiterentwicklung, und ihre Leitz-Objektive begannen die Zeiss-Pendants zur Contax vermutlich da auch endlich zu überflügeln.
Man ist heute mit der Sucher-Contax in einer anderen, weniger edlen Liga unterwegs als mit der Leica M.
Wenn man allerdings die besagten Gebrauchtmarktpreise gegeneinanderstellt, sieht es für die Contax schon nicht mehr ganz so schlecht aus: Sie kostet nur ungefähr ein Viertel einer vergleichbar ausgerüsteten Leica M.
Wo man also mit einer M3 und einem Normalobjektiv unterwegs ist, kann man für dasselbe Geld zusätzlich zur Contax bereits die komplette fünfteilige Zeiss-Objektivskala 21 bis 135 mm mit in die Tasche packen. Möglicherweise sogar noch ein Zweitgehäuse, wenn man Farbe und Schwarzweiß parallel machen oder mehrere Filmempfindlichkeiten/-entwicklungsmodi mitnehmen möchte.
Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist also gar nicht so schlecht.
Ein Schuß Kamerageschichte: Zu welcher Contax sollte ich greifen?
Die Frühjahrsmesse in Leipzig 1936 ist unser Ausgangspunkt. Dort nämlich gelang es Zeiss Ikon, seinen Fehlstart mit der Contax (I) 1932 in einen internationalen Erfolg umzumünzen. Wer möchte, der kann bei Hans-Jürgen Kuc, Auf den Spuren der Contax, nachlesen, mit wievielen Macken die unausgereifte Contax (I) behaftet war. Deshalb ist dieses Ursprungsmodell heute wohl am ehesten was für die Vitrine unerschrockener Sammler.
1935/36 krempelte man die Kamera gründlich um, und heraus kam die Contax II: endlich ein echter Konkurrent für die Schraub-Leica, der auch gleich in einigen Dingen die Nase vorn hatte: Schnelligkeit durch den ersten Meßsucher der Welt, eine Skala lichtstarker Zeiss-Sonnare, einfacheres Filmladesystem, präzisere Entfernungsmessung, Vorlaufwerk, Einknopf-Einstellung aller Zeiten, als Reklame-Gimmick auch den etwas schnelleren Verschluß - immerhin durch seine Metallbauweise unempfindlich gegenüber Sonnenstrahlen, die der Leica so gern Löcher in Gummituch-Rollos brennen.
Kurz darauf schickte Zeiss Ikon noch die Contax III hinterher, die zu den ersten Kameras mit eingebautem Belichtungsmesser gehörte.

Mit solch einer 88 Jahre alten Contax II (oder einer gleichaltrigen III) kann man bis heute bestens fotografieren, sie lassen allerdings in der B-Note zu wünschen übrig: die Zeitverstellung ist etwas kraftaufwendig, und vor allem: Ihr Verschluß macht Krach wie der einer lauten Kleinbild-SLR. Bei langen Zeiten mit Hemmwerk ab 1/10 sek. ist er sogar noch lauter.
Deshalb sollte man heute im Zweifelsfall eher zu den Nachkriegs-Modellen IIa und IIIa greifen. In der Handhabung sind sie gar nicht so unterschiedlich gegenüber ihren Vorläuferinnen, aber die Zeitverstellung ist viel weniger kraftaufwendig - und vor allem haben sie flüsterleise Verschlüsse.
Wir haben meine Contax IIa insofern mit der gut funktionierenden Leica M2 eines alten Freundes verglichen: Die Leisere war - die Contax.
Zusätzlich fielen die Nachkriegsmodelle etwas kleiner und leichter aus. Nur in einem Detail scheinen sie einen Haken zu haben - und da sind wir schon beim Thema "Eigenheiten der Contax".
Obacht beim Umhängen: Bereitschaftstasche nötig
Wie der kalifornische Contax-Experte Henry Scherer auf seinem sehr informativen Portal darlegt, ist die Befestigung der Gurt-Ösen in den Nachkriegsgehäusen etwas schwächlich ausgeführt worden. Man kann heute nur spekulieren, ob da vielleicht noch ein bißchen Mangelwirtschaft der Nachkriegsjahre mit hineinspielt. Scherers Kritik ist wohlgemerkt umstritten; aber ich hatte keine Lust, selber einen Versuch zu machen.
Jedenfalls ist der Ausweg ebenso einfach wie empfehlenswert: die Nachkriegs-Kamera nur in der Bereitschaftstasche umhängen. Zeittypisch sind an der Tasche Lederriemen angebracht. Traut man diesen Riemen nach 70 Jahren nicht mehr so recht über den Weg, kann man sie wie hier in einer Lederbearbeitungswerkstatt erneuern lassen.

Die Taschen selbst sind (wie damals bei Kameras dieser Preisklasse üblich) aus soliden Materialien stabil und gut verarbeitet und vertragen auch heute noch normal belastende Einsätze. Zwar kann man die vordere Klappe (anders als z.B. bei der Exakta) nicht abnehmen, aber damit muß man eben leben.
Wenn man ganz genau hinguckt, kann man zwischen den Taschen für die Contax IIa und IIIa einen Unterschied sehen: die Tasche zur IIIa ist einige Millimeter höher, um den eingebauten Belichtungsmesser mit aufzunehmen. Mit meiner IIIa habe ich aber mal ausprobiert, daß sie auch in die kleinere Tasche paßt.
Ein kleiner Wermutstropfen ist, daß die Kameras in die geschlossenen Nachkriegstaschen tatächlich nur mit dem Normalobjektiv hineinpassen. Und dabei paßt (außer bei den versenkbaren Objektiven) noch maximal ein Filter mit drauf, den Objektivdeckel muß man da schon weglassen. Die Tasche zur (Vorkriegs-)Contax II ist da etwas großzügiger dimensioniert: Dort paßt die II auch mit aufgesetztem 35-mm-Weitwinkel hinein.
Wechselseitig kompatibel sind die Taschen übrigens nicht: Das Nachkriegsgehäuse ist anders geformt als die Vorkriegskamera und etwas kleiner.
À propos Vorkriegs- und Nachkriegs-Contax: diese ungewöhnliche Geschichte schreit nach einem kleinen...
Schlenker: Die Contax und die Politik
Man kann über die Leica M sagen, was man will. In einer Disziplin stellt die Contax sie weit in den Schatten: in Geschichts-Gehalt. Denn in der Contax spiegeln sich Brüche und Abgründe des vergangenen Jahrhunderts wie in wenigen anderen Kameras.
Auf den Markt kam sie in der traurigen Endphase der Weimarer Republik. "Die Camera von 1932", so wurde die Contax anfangs beworben.
Mit ihrem bahnbrechend lichtstarken Olympia-Sonnar 180 mm wurden ausgerechnet jene Olympischen Spiele 1936 verewigt, die es - Nazi-Lügenschau, die besonders die Sommerspiele waren - besser nie gegeben hätte. Und später fanden sich im Arsenal der NS-Kriegsberichterstatter neben Leicas und Rolleiflexen auch standardisierte Contax-Ausrüstungen mit Normalobjektiv, 135er, Aufstecksuchern und Ersatzfilmen in der maßgeschneiderten robusten Holzkiste.
Aber auch der legendäre Kriegsfotograf Robert Capa hatte, als er am D-Day 1944 mit den US-Truppen an der berüchtigten Omaha Beach an Land robbte, zwei Contax-II-Gehäuse (wahrscheinlich mit Normalobjektiven) dabei. Die Bilder, die er dabei für die Zeitschrift LIFE machte, gingen als "Magnificient Eleven" um die Welt. Und als Capa 1954 tragischerweise im Indochinakrieg auf eine Mine trat, fand man später bei ihm neben einer Nikon u.a. auch eine Contax IIa. Vielleicht die, die er auf einem kurz zuvor entstandenen Foto umhängen hat: in Bereitschaftstasche und mit einem 35-mm-Biogon.
Die Contax selbst war bei Zeiss Ikon in Dresden noch bis etwa 1942 gebaut worden - vor allem für den Export gegen Devisen. Bei den Bombenangriffen im Februar 1945 wurde auch die Contax-Fabrikation in Mitleidenschaft gezogen - vollends aber traf sie nach Kriegsende die Demontage. Die vollzog sich schubweise und auf komplizierten Umwegen über Jena - praktisch aber scheint in Dresden keine Schraube und kein Notizzettel zurückgeblieben zu sein. Auf dem sehr lesenswerten Portal ZeissIkonVEB kann man nämlich eine Quelle vom Oktober 1945 finden, die zeigt, wie man da in Dresden gerade plante, die eigene Kamera bis Sommer 1946 zu rekonstruieren - teilweise buchstäblich aus dem Gedächtnis. Es war ja nun mal alles weg. Geschafft haben die Dresdner Ingenieure das nie.
Viele ihrer Jenaer Kollegen waren kurz vor dem Abzug der US-Truppen von den Amerikanern mit in ihre Besatzungszone genommen worden; und von dort, aus Stuttgart, kam dann auch die besagte Nachkriegs-Contax: modernisierte Varianten der Contax II und III, zu erkennen am Zusatz "a". Gebaut wurden die IIa und IIIa bis Anfang der 60er Jahre; danach setzte Zeiss Ikon vor allem auf Spiegelreflexkameras. Das Profi-Erbe der Contax sollte vermutlich die Contarex antreten; aber das ist eine eigene (triste) Geschichte voller Pleiten und Fehlentscheidungen des Managements.
Die demontierte Fabrikation der Vorkriegs-Contax war im sowjetischen Kiew wiederaufgebaut worden, und dort baute man dann bekanntlich noch bis 1987 die "Kiew" als Kopie der Vorkriegskamera. Samt nachgebautem Systemzubehör und nachgebauten "Jupiter"-Objektiven. Die Contax II/III ist also unter zwei Namen über ein halbes Jahrhundert lang ohne prinzipielle Änderungen gebaut worden - sicher auch ein Rekord in der Geschichte der Fototechnik. Da gehörte die Fabrikation der Sucher-Contax auch im Westen längst der Vergangenheit an...
Aber zurück zur Praxis von heute:
Der Bajonettanschluß und das Thema "Schnelligkeit"
Für schraubende Leicenisten ist es etwas ungewohnt: Die Contax nimmt ihre Objektive über ein Bajonett auf - genaugenommen über ein Doppelbajonett. Die innere Sektion ist für die Normalobjektive gedacht. Die haben deshalb keinen Schneckengang, der steckt im Kamerabajonett. Die Entfernung verstellt man entweder, indem man wie gewohnt am Objektiv dreht, oder man nutzt das kleine Rädchen, das unter dem Mittelfinger der rechten Hand liegen sollte. Die Entfernungsskala sitzt, wie hier zu sehen, gleichfalls im Kamerabajonett:

Das galt in den 30er Jahren als besonders schnappschußtauglich: Mit dem rechten Mittelfinger stellte man die Entfernung ein, mit dem Zeigefinger löste man aus.
Mitunter wundern sich Leute im Netz, warum dieses Rädchen in der Unendlichstellung eine Arretierfunktion hatte (die man löst, sobald man den Mittelfinger auf das Rädchen legt und damit automatisch die kleine Verriegelung daneben runterdrückt). Die ist aber nötig, um das Normalobjektiv nach dem Lösen der Bajonettverriegelung komfortabel abnehmen zu können.

Das Außenbajonett nimmt alle anderen Objektive auf, wie dieses 135er. Dort hat der messing/schwarzfarbene Ring übrigens nichts mit dem Innenbajonett zu tun, sondern er dient zur Kupplung mit dem Entfernungsmesser in der Kamera. Über einen kleinen Hebel wird die Arretierung des Entfernungsrädchens beim Aufsetzen automatisch gelöst.
Vor dem Aufsetzen eines dieser Objektive sollte man das Innenbajonett auf Unendlich stellen (auch deshalb wird das Entfernungsrädchen am Gehäuse in dieser Stellung arretiert). Nach dem Aufsetzen dann auch den Entfernungsring des Objektivs, wenn nicht schon geschehen, auf Unendlich stellen. Mit einem leisen, aber satten metallischen "Schmack" rastet dann die Kupplung des Objektiv-Entfernungsrings mit dem Meßsucher-Mechanismus im Gehäuse ein.
Das Suchersystem
Hier landen wir bei dem entscheidenden Punkt, in dem die Contax mit der Leica M nicht mithalten kann. Mit dem Meßsucher haben wir hier eine Einrichtung vor uns, die Mitte der 30er Jahre State of the Art und Anfang der 50er Jahre immer noch ganz brauchbar war - aber mit der Leica M brach 1954 für Profis ein neues Zeitalter an.
Ähnlich wie die Schraub-Leica hat die Contax also noch keine variablen Leuchtrahmen für unterschiedliche Brennweiten. Damit muß man zu leben lernen - aber es gibt gute Hilfsmittel.

Zuvorderst empfehlenswert ist dieser sogenannte Universalsucher zum Aufstecken. Er ist nach einer Art Revolverprinzip aufgebaut und bietet - das ist der Clou - ähnlich wie bei der SLR immer ein gleich großes Sucherbild, egal ob man ein Weitwinkel-, Normal- oder Teleobjektiv aufsetzt. Also ein anderes Prinzip als bei den eingespiegelten Leuchtrahmen der Leica M.
Zeiss Ikon stellte den Universalsucher bereits in den 30er Jahren vor - der oben gezeigte ist ein Vorkriegsmodell -, und diese alten Sucher sind bis heute gut brauchbar. Wer Geld sparen möchte, kann auch auf sowjetische "KMZ"-Nachbauten zurückgreifen. In der Hoffnung, daß sie präzise zentriert sind.
Natürlich bedeutet es, daß man eine größere Parallaxe einkalkulieren und die Brennweiten jeweils manuell verstellen muß. Zum Messen und Einstellen der Entfernung muß man auf den kameraeigenen Meßsucher wechseln, dann wieder zurück zum Aufstecksucher. Den Parallaxenausgleich für kurze Entfernungen muß man am Aufstecksucher manuell nachregulieren. Aber alldas ging nun mal vor 75 Jahren noch nicht besser.
Zusätzlich bot Zeiss Ikon noch andere Bauformen von Aufstecksuchern an; die scheinen mir allerdings teilweise für die Praxis weniger brauchbar. Wenn man mal absieht von echten Spezialsystemen für besondere Objektive: das 21-mm-Biogon, das in den 50er Jahren eine Sensation war, und das 180-mm-Olympia-Sonnar, das (wie gesagt) rund um die Olympischen Spiele 1936 der Sportfotografie neue Dimensionen erschloß.
Dieses Sonnar ist in der Contax-Ausführung heute allerdings eher was für Sammler als für Fotografen: selten und teuer; die damals meistgefertigte Version benötigt einen höchst rudimentären Spiegelkasten. Und generell frage ich mich, ob man bei 180 mm mit einer SLR nicht doch besser unterwegs ist als mit einer Meßsucherkamera. Zumal etwas jüngere M42-Versionen aus Jena nur den winzigen Bruchteil eines optisch vergleichbaren alten Contax-Sonnars kosten.

Nur arg begrenzt komfortabel ist auch der hier abgebildete sogenannte Suchervorsatz für den Meßsucher: er eignet sich definitiv nicht für Brillenträger und ist auch für Nichtbebrillte gewöhnungsbedürftig, denn das Sucherbild ist relativ klein. Praktisch wird eine kleine viereckige Maske vor das Sucherfenster gesetzt, die den Bildausschnitt wahlweise für 85 und 135 mm eingrenzt; das Bild wird also noch kleiner als das Bild für die Normalbrennweite. Zusätzlich enthält der Sucher einen Parallaxenausgleich in Gestalt eines sehr kleinen Einblicklochs, den man manuell einstellt. Mit einem 1a-sauberen und hellen Contax-Sucher ist dieser Vorsatz am hellen Tage vielleicht halbwegs brauchbar - ich würde aber selbst dann den Universalsucher immer vorziehen.
Beinahe vergessen hätte ich die...
Blitzsynchronisation
Blitzen mit einer 50er-Jahre-Kamera ist nun wirklich was für Hartgesottene. Hier kommt noch der Punkt hinzu, daß die Contax erst ab ca. 1953 den üblichen Koax-Kabelanschluß erhielt. Nachkriegsgehäuse hatten zuvor eine mechanische Blitzsynchronisation, für die es Adapter auf das elektrische System gab, die man auch heute noch gebraucht findet.
Vorkriegsgehäuse hatten ab Werk gar keine Synchronisation; häufig aber findet man heute solche Kameras mit Koax-Kabelanschluß: Dort wurde die Synchronisation nachträglich eingebaut. Auf dem Bild der Contax II oben kann man den Anschluß links vorn am Gehäuse sehen.
Kürzeste Blitzsynchronzeit des Nachkriegsverschlusses übrigens 1/50 sek. Zum Vorkriegsverschluß habe ich in den alten Büchern naturgemäß keine Angaben gefunden.
Die Objektive: Grundsätzliches
Spätestens hier wird es interessant, denn man kann nach Herzenslust einen Vorzug der Analogfotografie im 21. Jahrhundert ausleben: Bilder mit Charakter machen. Siehe das Farbbild oben. Die Sonnare und Biogone etc. zur Contax waren vor 75 Jahren Weltspitze; im Vergleich zu computergerechneten Objektiven der digitalen Gegenwart offenbaren sie naheliegenderweise ihre Schwächen - aber die kann man sich als "Charakteristika" zunutze machen.
Alle meine Objektive habe ich übrigens nach dem Kauf bei Foto Olbrich in Görlitz überholen lassen, und das hat sich gelohnt. Festgestellt wurden dort bei den Normalbrennweiten deutliche Putzspuren auf den Frontlinsen. Praktisch gestört haben die mich allerdings bislang nie.
Grundsätzlich haben wir hier zwei Sorten Objektive vor uns: unvergütete aus der Vorkriegszeit und vergütete, die fast ausschließlich aus der Nachkriegszeit stammen. Nebenbei: Vorkriegsobjektive haben nach meinem Eindruck meist die schwere Messingfassung, Nachkriegsobjektive überwiegend eine Fassung aus Leichtmetall. Überwiegend - aber offenbar nicht durchgängig.
Als zweite Unterscheidung gibt es Objektive aus der Fertigung von Carl Zeiss Jena (beginnend 1932) und wiederum andere von Zeiss Oberkochen. Oberkochener ausschließlich aus den Nachkriegsjahren. Sie sind zu erkennen an den Gravuren "Zeiss-Opton" (Abkürzung für "Optische Werke Oberkochen") oder (ab den frühen 50ern) nur "Carl Zeiss" ohne "Jena".

Um das Vergütungs-Kuddelmuddel etwas zu erhellen: Vergütete Objektive aus Jena und von Zeiss-Opton sind mit einem roten "T" (für "Transparenz") versehen - wie man es hier auf einem 8,5-cm-Sonnar von 1946/47 sehen kann. Bei der jüngeren Gravur "Carl Zeiss" (Oberkochen) ließ man das "T" bereits weg, weil vergütete Linsen der Standard waren.
Alles also, wo "Carl Zeiss Jena" ohne "T" draufsteht, ist unvergütet. Wie bei diesem 135er von 1938. Man sieht es natürlich auch an den farblos reflektierenden Linsenoberflächen.

Da ist nun der Geschmack gefragt: nach herkömmlichen Maßstäben ziehen unvergütete Objektive bekanntlich klar den Kürzeren, denn sie liefern weniger knackige Kontraste, weniger satte Farben und sind streulichtanfälliger.
Sehen kann man das hier auf Fujichrome Velvia 50: ich war bei gewittrigem Herbstwetter unterwegs und habe verglichen: das unvergütete 50-mm-Sonnar von 1937...

... und das zehn Jahre jüngere vergütete 85er:

Umgekehrt aber können die älteren Objektive mit ihren Schwächen bei bestimmten Lichtsituationen bemerkenswerte Effekte in ein Bild einbringen.
Mir ist das aufgefallen, als ich mit dem unvergüteten Normalobjektiv im abendlichen Nantes unterwegs war (Fomapan R100-Diafilm) :

Mal abgesehen von der von mir verschuldeten Verwacklungsunschärfe bei 1/2 sek. setzte das Sonnar mit seinen Überstrahlungen dem Bild für meine Begriffe das i-Tüpfelchen auf. Um das Kirchenfenster im Hintergrund herum ergaben sich eigentümliche Kontrast-Abstufungen, die ich mir nicht so recht erklären kann, die uns aber gleich noch mal begegnen werden.
Auch bei weicherem Licht kann dieses unvergütete Sonnar seinen Charme entfalten - hier mittags im Dresdner Hauptbahnhof:

Anders sieht es aus bei schwierigen Lichtsituationen, Stichwort Streulicht. Hier war ich bei dünner Bewölkung und leicht hindurchscheinender Sonne am Cholerabrunnen in Dresden: Fomapan R100.

(Vergütetes Sonnar 1:2 / 8,5 cm von 1946/47, mittlere Blende)
So wiederum sah es mit dem unvergüteten 1937er 1:2 / 5-cm-Sonnar aus:

Warum ich die Lichtstärke 1:2 beim 50er dazugeschrieben habe? Weil das in der Epoche der Contax ein großes Thema war...
Die gebräuchlichsten Objektive im einzelnen
Normalobjektive
Bekannt geworden ist die Contax zuerst mit ihren Normalbrennweiten, und mit denen fangen wir an: Es gibt neben zwei Tessaren 1:3,5 und 1:2,8 zwei Sonnare - die heute sicherlich die interessanteren sind, denn Tessare aus der damaligen Zeit gibt es heute für Exakta, M42 und viele andere Anschlüsse wie Sand am Meer. Und während man damals mit einem Tessar viel Geld sparen konnte, sind Tessare zur Contax heute nicht mehr so arg viel billiger als das 1:2-Sonnar.
Dieses 1:2-Sonnar 50 mm scheint so was wie die gehobene Standardausstattung vieler Contaxe zu sein, die man heute auf dem Markt findet. Ich bin auf diese Art an die unvergütete 1937er Version und an die etwa zehn Jahre jüngere vergütete Variante gekommen. Beide sind in der Praxis unproblematisch und angenehm zu nutzen - mit den erwähnten Spezifika je nachdem, ob vergütet oder unvergütet.

Man kann mitunter lesen, daß Oberkochener Objektive qualitativ besser seien als die etwas älteren vergüteten aus Jena. Teilweise gibt es unterschiedliche Rechnungen, da könnte das der Fall sein. Ich hatte aber noch keine Gelegenheit, das zu vergleichen.
Zur Legende geworden ist das 50-mm-Sonnar 1:1,5, das bereits 1931 erstmals gerechnet wurde und mit Einführung der Contax (I) 1932 gewaltig Eindruck machte. Es wurde schon in den 30ern und möglicherweise später noch einmal neu gerechnet. Und immerhin hat Zeiss in diesem Jahrtausend abermals eine Neurechnung dieses Klassikers mit Leica-M-Bajonett vorgestellt. In diesem Testbericht und auch hier werden Spezifika sehr schön geschildert - hier findet man einen direkten Vergleich zum "neuzeitlicheren" Planar 1:2/50 ZM.
Wobei die "originalen" alten Optiken natürlich noch mal eine ganze Portion mehr Charakter mitbringen. Jedenfalls für den, der das so mag. Unterschiede zwischen ihnen und der "Neuauflage" kann man hier nachlesen, auch was das beliebte Thema "Bokeh" betrifft.
Beachten sollte man beim 1:1,5er "Original", daß es dort (wie ich von einem altglas-erfahrenen Profifotografen erfuhr) zumindest im Nahbereich um 1 m eine leichte Fokusdifferenz je nach eingestellter Blende gibt. In diesem Testbericht des neuen C-Sonnar kann man Beispielfotos finden. Hier wird es mit technischen Details erläutert. Welche praktische Relevanz das bei den alten Originalen hat und wie man damit praktisch umgehen kann, weiß ich leider nicht zu sagen, da ich das Objektiv nie zur Verfügung hatte.
Charakteristisch zu sein scheint aber speziell für die unvergütete Version, daß es Eigenheiten, wie sie oben zur 1:2er Version anklangen, noch mal verstärkt. Speziell was Überstrahlungen angeht.
Das verbreitetste Teleobjektiv
Für viele Leute war nach dem 50er das zweite Brot-und-Butter-Objektiv ein 135er. Da haben wir es hier mit dem bekannten Sonnar 1:4 zu tun. Wie vorhin das 50er 1:2 und nachher auch das 35-mm-Biogon besitzt es ein 40,5-mm-Filtergewinde.
Ich hatte das Glück, neben einem vergüteten Zeiss Opton (ca. 1952) letzten Sommer an das oben abgebildete unvergütete Jenaer Objektiv von 1938 zu kommen. Analogaufnahmen damit habe ich noch nicht entwickeln können; die Streulicht- und Kontrastunterschiede dürften ähnlich sein wie oben beim Normalobjektiv.
Auf Film bescherte mir das vergütete 135er Sonnar bereits den ungewöhnlichen Effekt vom obigen Farbfoto des Gewerbehofes. Ich frage mich, ob dieser Effekt evtl. ein Sonnar-Charakteristikum ist. Denn in einem Artikel über das neugerechnete 50-mm-ZM-Sonnar taucht er auf einem Digitalbild auch auf, wenn auch in stark abgeschwächter Form: speziell an den Fensterrahmen und -scheiben leicht links der Bildmitte.
Neben den Normalobjektiven scheint das 135er Sonnar zu Contax-Glanzzeiten am meisten verkauft worden zu sein. Jedenfalls findet man es heute relativ häufig und folglich zu guten Preisen auf dem Gebrauchtmarkt.
Das Portrait-Tele par excellence
Gehen wir in der Brennweitenskala eine Stufe runter und landen bei einem der Zeiss-Klassiker zur Contax: Als diese Optik in den 30ern auf den Markt kam, schlug sie mit ihrer Bildqualität ob der Lichtstärke wie eine Bombe ein. Das Sonnar 1:2 / 85 mm.
Bekanntlich gab es zur Zeit der ersten Rechnung dieser Optik noch keine Vergütung. Zeiss hätte also vielleicht ein sechslinsiges Planar auf die Beine stellen können, in dem hätte man aber ob der vielen Glas/Luft-Flächen (übertrieben ausgedrückt) außer Streulicht nicht viel mehr gesehen. Da war Ludwig Berteles Sonnar mit seinen nur drei Elementen und entsprechend weniger zahlreichen Glas/Luft-Flächen die Lösung.
Mein Exemplar ist ein Jenaer Stück aus der Zeit um 1946/47, mit Entfernungsskala in Fuß. Vielleicht dachte man in Jena an devisenstarke Käufer in der westlichen Hemisphäre (geht man nach Henry Scherer, sind viele Contaxe an zahlungskräftige Käufer in den USA gegangen).
Das "Achtfünfer" (wie man es früher ob seiner Brennweite in Zentimeter nannte) läßt sich unkompliziert einsetzen. Praktisch stelle ich also (wie beim 135er schon) die Entfernung im Meßsucher ein und wechsle dann auf den aufgesteckten Universalsucher. Anders als das 50er, 135er und das gleich noch kommende 35er hat das 85er allerdings ein 49-mm-Filtergewinde.
Als Beispielbild starten wir mal mit einer Parallelaufnahme des besagten Krefelder Gewerbehofes auf Fomapan R100, Blende 2. Auch hier scheint es mir wieder die eigentümliche Abstufung an den Streben der Fensterrahmen zu geben:

Auch auf dem zweiten Beispielbild habe ich im Projektor etwas in der Richtung bemerkt: bei dem Fenster unten rechts. Ring-Café in Leipzig, mittlere Blende, Orangefilter, Fomapan R100 (der Scan zeigt es leider nur etwas verwaschen) :

Schummriger wurde es hier - da kann man streiten, ob ein halbwegs neuzeitliches 85er Planar (Contax/Yashica) nicht überzeugendere Kontraste gebracht hätte:

Um jenes 85er Planar und das alte Sonnar mal zu vergleichen, habe ich noch mal ein bißchen mit Hardcore-Kontrasten gespielt: beide bei Blende 2 an der Sony A7 (I) - hier das 1947er Sonnar:

Auch die T*-Vergütung hat mit diesen brachialen Lichtquellen zu knapsen, aber man merkt die 30 Jahre Entwicklung:

Eine Domäne des alten Sonnars wiederum sind Portraitaufnahmen - oder auch solche Bilder aus Kirchenräumen (Blende 2, 1/10 sek, Fomapan R100, Freihandaufnahme, Contax IIIa) :

Welch eigenwillig-außergewöhnliche Resultate dieses Sonnar mit seinen zeittypischen Unvollkommenheiten auf einem Digitalsensor liefert - darauf bin ich neulich in einem Nachbarforum gestoßen. Es ist, wie mir der Fotograf auf Nachfrage versicherte, die vergütete Version - ähnliches Baujahr wie meines:
Ein Paradebeispiel (finde ich) dafür, daß diese alten Optiken bei ganz bestimmten Lichtbedingungen und Motiven beachtliche Stärken ausspielen können. Das ist nun mal eine andere Disziplin als die von Schärfe und Brillanz, in der sie vor Jahrzehnten brillieren konnten - es ist eher die Disziplin "Malerischer Effekt".
Außen vor lasse ich jetzt mal einige andere Teleobjektive, da ich sie nicht habe: das Triotar 1:4 / 85 mm, einst ein Objektiv für Sparfüchse, wird heute nicht mehr sooo viel billiger gehandelt als das Sonnar; es ist wohl eher was für eingefleischte Dreilinser-Fans. Zum 180-mm-"Olympia"-Sonnar, das ich in zwei SLR-Versionen aus Jena und Oberkochen habe, siehe oben; und auch das Tele-Tessar 1:6,3 / 180 mm hat mich zur Sucher-Contax nicht recht interessiert. Schon gar nicht taten es Exoten wie das 300-mm-Sonnar.
Weitwinkelobjektive
Da ich weder das legendäre 21-mm-Biogon habe, noch das Vorkriegs-Tessar 1:8 / 28 mm, das Biometar 1:2,8 / 35 mm oder das Planar 1:3,5 / 35 mm, beschränke ich mich mal auf ein bewährtes Stück aus den frühen 50ern: das Biogon 1:2,8 / 35 mm.
Die Nachkriegskamera hat modifizierte Verschlusslamellen. Deshalb paßt auf sie nur das etwas kleinere Nachkriegs-Biogon, das Anfang der 50er Jahre gerechnet wurde. Erkennbar sind diese Objektive an der Gravur "Zeiss Opton" oder "Carl Zeiss" - ohne "Jena".
Einsatz: unproblematisch. Für mich ein typisches 35er Weitwinkel. Seine Abbildungsqualitäten müssen nach den Maßstäben der frühen 50er Jahre sehr gut gewesen sein.

(Dresdner Zwinger, Biogon mit offener Blende, Gelbgrünfilter bei bedecktem Himmel, Fomapan R100.)
70 Jahre nach dem letzten Profi-Einsatz: die Contax heute in der Praxis
Es klang ja schon an: In der Handhabung ist die Contax 1954 wie 2024 vor allem ob ihres Suchers keine Konkurrenz zur Leica M. Das alte Zeiss-Ikon-System punktet heute indessen durch seinen günstigen Gebrauchtpreis. Von so viel Meßsucher-System für so wenig Geld kann ein Leicenist letztlich nur träumen.

Freilich: Die Schraubleica hat der Contax die Kleinheit voraus; auch wenn die Contax IIa mit versenkbarem Sonnar nur anderthalbmal so breit, ebenso hoch und nur etwas weniger flach ist als die Taschenkamera Rollei 35 - sie paßt gut in die Hand, wie hier zu sehen. Die IIIa mit ihrem Belichtungsmesser ist schon locker so breit und hoch wie die kleine Pentax MX, nur flacher. Und mir persönlich hat das elegant gerundete Leica-Gehäuse immer besser gefallen als der typische Zeiss-Ikon-Ziegelstein.
Aber hier geht es ja um ein Fotografier-Werkzeug, und als ein solches dürfte die Contax die Schraub-Leica (nicht die Leica M, versteht sich) letztlich abgehängt haben.
Zumal man bei Zeiss Ikon Anfang der 30er offenbar in Untersuchungen herausfand, daß die "Ziegelstein"-Form Freihandaufnahmen bei langen Zeiten erleichtere. Ich habe die Contax da noch nicht mit der Schraubleica vergleichen können, aber im Bereich von 1/10 oder 1/5 sek ließ es sich auch mit dem 85er Sonnar noch relativ gut an.
Das Filmeinlegen ist neuzeitlicher als bei der Schraubleica, allerdings muß man etwas mehr aufpassen als bei einer typischen SLR: Die Original-Filmaufwickelspule aus Plastik ist an ihrer innenliegenden und damit verdeckten Nase für den Eingriff in die Filmperforation nämlich nach 70 Jahren möglicherweise verschlissen. Nach meiner Erfahrung klappt es gut, wenn man den Film, wie hier zu sehen, mit Spannung über die Zahntrommel (deren Zähne natürlich korrekt in die Perforation greifen sollten) zur Aufwickelspule führt und dann die Rückwand aufsetzt. Geht man schlampig zu Werke, rutscht das Filmende möglicherweise von der Aufwickelspule. Das merkt man dann beim ersten Transportieren daran, daß der Rückspulknopf sich nicht mitdreht - dann heißt es: alles noch mal von vorn.

Das hat die Ihagee bei der Exakta mit ihrem Klemmsystem unter einer Metall-Lasche (und einer Vollmetallspule) ungleich besser gelöst als Zeiss Ikon bei der Contax.
Man kann die alternative Fixiermöglichkeit in der Mitte der Achse nutzen, dazu muß man allerdings das Filmende passend zuschneiden und verliert bei vorkonfektionierten Patrionen 10 cm Film. Nur bei Meterware geht das verlustfrei.
Zum Glück kann man aber auch die Contax-Aufnahmespule herausnehmen und sie ersetzen: Ich tendiere mitunter dazu, die Spule aus einer geöffneten Ilford 80er-Jahre-Filmpatrone zu nehmen und das Filmende darauf mit etwas Klebeband zu fixieren.
Die abnehmbare Rückwand selbst wird zeiss-ikon-typisch von "hinten unten" aufgesetzt, ein Stück nach oben geschoben und dann mit den zwei Drehriegeln auf der Unterseite verriegelt.
Mit dieser Verriegelung zusammenhängend gab es auch ein contax-eigenes System mit Spezial-Filmpatronen, die man heute noch gebraucht bekommen kann und mit denen man von einer Patrone in die andere spult. Das habe ich allerdings nie näher erkundet.
Die eigentliche Bedienung ist danach selbsterklärend: Wer auch nur irgendeine Kamera der 50er Jahre mal in der Hand hatte, findet sich sofort zurecht.
Auffallend für die 30er und noch in den 50ern nicht selbstverständlich: Alle Zeiten, auch die langen, werden über einen einzigen Knopf eingestellt. Beim Verschlußablauf bewegt sich "draußen" nichts. Hatte ich für nebensächlich gehalten - bis mir letztens bei der Exakta (mangels Übung) nach dem Auslösen ein Finger am Verschlußzeitenrad saß, wodurch der Verschluß nicht ablaufen konnte. Das kann auch bei der Schraubleica passieren, bei der Contax nicht.
Die Entfernung mißt man natürlich via Meßsucher. Einstellung am Objektiv bzw. beim Normalobjektiv auch wahlweise über das besagte Rädchen.
Manche haben sich mokiert darüber, daß man ständig darauf achten müsse, das rechte Entfernungsmesserfenster nicht mit der Hand zu verdecken. Dazu hat Heinrich Freytag 1938 in seinem Buch Contax-Praxis für die rechte Hand die sogenannte "Contax-Haltung" beschrieben: Kamera normal greifen, dann den Zeigegfinger auf den Auslöser, den Mittelfinger aufs Entfernungsrädchen, Ringfinger ggf. etwas nach unten, damit das Fenster freie Sicht hat. Klingt komplizierter, als es ist. "Feste üben!" empfahl Freytag.
Der Objektivwechsel erinnert mich ein wenig an das Canon-FD-Bajonett, zumal die Entriegelung bei den Objektiven mit Außenbajonett an ähnlicher Stelle sitzt. Der Wechsel ist also ähnlich hakelig wie beim FD, und er geht auch nicht so ratzfatz schnell einhändig wie bei der Exakta, bei der Leicaflex oder auch beim Contax/Yashica-Bajonett. Das 85-mm-Sonnar kann man gut mit einer Hand abnehmen (um mit der anderen Hand z.B. ein Normalobjektiv aufzusetzen). Beim 135er wird das etwas schwieriger - je nachdem, wie stramm es im Bajonett sitzt; beim 35er Biogon ist es fast unmöglich. Man braucht also zwei Hände. Auch beim Abnehmen des Normalobjektivs braucht man mindestens einen Finger der zweiten Hand, um den federnd arbeitenden Riegel des Bajonetts nach unten zu drücken.
Trösten kann man sich damit, daß hier alles in solidem Metall ausgeführt ist - also keine Plastik-Entriegelungsknöpfe wie etwa bei der Leicaflex SL.
Beim Ablegen z.B. in der umgehängten Fototasche sollte man den nicht benötigten Objektiven Deckel gönnen: Speziell die Hinterlinse des Biogon liegt hoch kratzergefährdet; und im Ganzen sind die Vergütungen (und manchmal auch die Glassorten) nicht so hart wie neuzeitliche Pendants.
Was die Objektive selber angeht und die Frage "Vergütet oder unvergütet", tendiere ich nach den jüngsten Testfilmen dazu, unvergütete Objektive für Situationen mit hartem Licht, greller Sonne oder auch starken Kontrasten in der Dunkelheit mitzunehmen, siehe oben das Bild aus Nantes. Immer dann, wenn es etwas poetischer werden darf.
Vergütete Objektive würden sich dann auch für den Poeten empfehlen für Licht mit schwachen Kontrasten, diffuses Licht, Außenaufnahmen bei bewölktem Himmel etc. Aber natürlich auch bei kritisch ins Objektiv fallendem Seiten- oder Gegenlicht. Für Aufnahmen, bei denen es nicht um sonderliche "Poesie" geht, ohnehin.
Das Auslösegeräusch verändert sich kurioserweise auch bei kurzen Zeiten: Während es bei der 1/1250 sek. typisch leise klickt mit einer gewissen "Schärfe", verändert sich das hin zur 1/25 sek. mehr und mehr zu einem sanften Schnalzen, es wird also tendenziell noch leiser. Beim Hemmwerk, das ab 1/10 sek. arbeitet, haben sich die Konstrukteure wirklich ins Zeug gelegt: flüsterleise.
Hier ist wohlgemerkt die Rede von der Nachkriegs-Contax. Die Verschlußrollos der Vorkriegskameras knallen wie die Titanrollos der Contax RTS II, und ihre Hemmwerke machen einen ähnlichen Krach wie das Werk der Exakta Varex VX.
Der Belichtungsmesser der Contax IIIa nutzt zeittypisch eine Selenzelle. An meiner Kamera funktioniert er noch und zeigt sogar überwiegend plausible Werte an; aber auf ihn verlassen möchte ich mich nur, wenn ich wirklich keinen anderen zur Hand habe.

Grundsätzlich hat er seine gewollten Eigenheiten: Die Schutzkappe - hier offen zu sehen - schirmt stets sehr stark das Licht "von oben", also vom Himmel ab. Die gemessenen Werte sind also dadurch schon mal reichlich. Andererseits dürfte das hier zu sehende 8,5-cm-Sonnar auch mal Licht in die Zelle reflektieren - mit demselben Problem hatte auch die erste Leicaflex 15 Jahre später zu kämpfen. Anders als Leitz in den 60ern lieferte Zeiss nach 1936 zur Contax aber keine schwarzen Objektive mehr.
Das Meßwerk selbst - wie man im "Contax-Buch" von Otto Croy nachlesen kann - auf "Feinkornfilm" eingerichtet. Das bedeutet: die Zeit wird auch insofern sehr reichlich gemessen, im Schnitt gezielt eine Blende zu reichlich.
Jetzt muß man allerdings berücksichtigen, daß um 1960 das DIN-System umgestellt worden ist: Bisheriger 18-DIN-Film wurde jetzt zum 21-DIN umdeklariert. Das macht also den von Croy beschriebenen vormaligen Effekt wieder wett, und man kann den Beli der Contax IIIa ganz normal einstellen - bekanntlich auf die zweite Zahl der ISO-Wertangabe. Bei einem Ektachrome E100 also auf 21 DIN (eine ASA-Skala ist nur bei Exportmodellen eingraviert).

Bedient wird der "Beli", indem man am äußeren Chromring dreht und damit den Zeiger im Meßfenster auf die dort sichtbare Raute einstellt. Dann kann man links auf den runden Skalen die Zeit/Blendenkombination ablesen. Hier oben 1/25 sek. für Blende 2.
Gekuppelt ist der Belichtungsmesser nicht. Das gab die Konstruktionsgrundlage aus den 30ern - als der eingebaute Beli noch revolutionär war - nun doch nicht mehr her.
Als jahrzehntelanger ausschließlicher SLR-Nutzer hatte ich zu Beginn Eingewöhnungsschwierigkeiten, was den prinzipiellen Umgang mit Sucher und Objektiven anging. Contax-spezifisch muß man also ggf. am Universalsucher die passende Tele- oder Weitwinkel-Brennweite einstellen. Nach ein paar Filmen war die nötige Übung aber da, und bald wurde es zur Routine. Oft habe ich am Universalsucher eine Telebrennweite eingestellt und wechsle dann beim schnellen Wechsel aufs Normalobjektiv auf den eingebauten Meßsucher, ohne den Universalsucher nachzujustieren.
Die gewohnte TTL-Messung fehlt natürlich auch; aber dadurch bedingt habe ich die Lichtmessung mit dem Gossen Lunasix F zu entdecken begonnen und unternehme erste Schritte mit dem Zonensystem.
Zum Thema Robustheit beisteuern kann ich die Erfahrung, daß meine frisch überholte Contax IIa während eines Fototermins einmal mit aufgesetztem Normalobjektiv aus Brusthöhe ungebremst auf eine Wiese fiel. Sie funktionierte anschließend immer noch und funktioniert bis heute. Sogar bei bekannt kritischen Verschlußzeiten (s.u.).
Ein Tip noch: Wie man in gutinformierten Texten lesen kann, sollte man eine Contax nicht ewig lang in gespanntem Zustand im Schrank liegen lassen. Wenn lange Lagerung, dann mit entspanntem Verschluß.
Will man es richtig amtlich machen, dann sollte man Henry Scherer zufolge ungenutzte Gehäuse alle zwei Wochen mal in die Hand nehmen und alle Verschlußzeiten auslösen. Dann bleibt der Verschluß in seinen Schmierungen fit und gut gängig. Bei meinen mit Farbfilm geladenen Kameras dauert es meist allerdings deutlich länger als zwei Wochen, bis ich sie wieder auslöse. Bislang ohne sonderliche Probleme.
Manufaktur-Kamera: Erfahrungen beim Kauf
Vorab ein Wort zum Thema der "Kiew", der sowjetischen Vorkriegs-Contax-Kopie. Kurioserweise wird die - verglichen mit dem Dresdner Original - gleich ihren "Jupiter"-Objektiven zu vergleichsweise hohen Preisen gehandelt. Ich erkläre mir das u.a. daraus, daß Kiews und Jupiter-Objektive aufgrund ihrer schieren Stückzahl international womöglich bekannter sind als das deutsche Original. Das scheint die Nachfrage anzukurbeln.
Dazu beitragen dürfte, daß man den sowjetischen Jupiter-Objektiven Eigenschaften zuschreibt, die bei Licht betrachtet auf die Sonnare und Biogone zurückgehen, deren Kopien sie sind. Klar, die optischen Mängel der Jupiters kann man - wie ich das oben bei den Zeiss-Optiken gemacht habe - auch unter "Charakteristika" verbuchen. Unlängst allerdings tauchten ukrainische Angebote film-getesteter Kiew-2 mit Jupiter-Pendants zu 1:2/50-mm-Sonnaren auf, die preislich sogar über vergleichbaren Contax II lagen - davon würde ich eher die Finger lassen.
Geht man nämlich nach Henry Scherer, dann ist das Hauptproblem dieser Kamera und ihrer Jupiter-Objektive die Qualitätsstreuung schon ab Werk. Mr Scherer zufolge kann man Glück haben und sehr gute Examplare erwischen; ebenso kann man aber auch was Lausiges bekommen. Beispiel Verschlüsse : "Kiev shutters range in quality from a "10" (equivalent to German quality), to a (1) (real trash)." Ob man sich so was heute für vergleichsweise viel Geld antun möchte, ist sicher eine individuelle Entscheidung.
Alles in allem dürfte das Preis/Leistungs-Verhältnis selbst bei einer Vorkriegs-Contax besser sein als bei einer Kiew. Bei Nachkriegsmodellen ohnehin. Auch vergütete Zeiss-Jena-Objektive, deren Rechnungen bis in die späten 40er die Weltspitze markierten, dürften im Schnitt besser sein als ihre sowjetischen Kopien aus den 50ern.
Denn von Qualitätsstreuung ab Werk konnte man weder bei der Vorkriegs-, noch bei der Nachkriegs-Contax ernsthaft sprechen. Und bei Jenaer Objektiven sicher noch weniger.
Offenkundig sollte man sich die Dresdner Contax-Herstellung der 30er und auch noch die Stuttgarter der 50er Jahre nicht als Massenfabrikation vorstellen, sondern eher als Manufaktur, in der Spezialisten mit einer Menge Erfahrung (auch die dürfte es in Kiew nicht in dieser Massierung gegeben haben) jede einzelne Kamera zusammensetzten.
Bei einer gebrauchten Contax ist man also heute vor allem mit typischen altersbedingten Problemen konfrontiert (die bei Kiews noch obendrauf kommen dürften).
Wie jede hochwertige Kamera aus der mechanischen Epoche würde ich auch eine Contax nach dem Kauf so bald wie möglich kompetent warten, reinigen, neu schmieren und evtl. Defekte beheben lassen.
Die Gehäuse sollte man wie gewohnt bei 50er-Jahre-Kameras vor dem Kauf gründlich testen. Sorgen um Lichtdichtungen braucht man sich nicht zu machen: die Kamera hat keine, weil sie sie nicht braucht.
Bekanntermaßen ist der Contax-Verschluß eine berüchtigt hochkomplexe Angelegenheit: Zeiss Ikon musste den Verschluß konstruieren, ohne Leitz-Patentrechte zu verletzen - heraus kam eine eigenständige Technik mit eigenen Tücken; kein Wunder, daß Nikon sich in den 50ern lieber am Leica-Verschluß orientiert hat. Also alle Zeiten mit abgenommener Rückwand und abgenommenem Objektiv durchtesten - auch die kurzen. Oft nämlich geht der Verschluß bei 1/1250 sek. nicht bei jeder Auslösung korrekt auf. Das hängt - ich berufe mich abermals auf Henry Scherer - mit der Federsteuerung der kurzen Zeiten zusammen.
Sollte es hier Probleme geben, muß da ein Reparateur mit Kenne ran - Mr Schwerer zufolge bringen Hauruck-Manipulationen an der Feder nicht viel. Für Hobbyschrauber dürfte eine Sucher-Contax im Ganzen ein denkbar ungeeignetes Versuchsobjekt darstellen: sie scheint ungleich komplizierter zu sein als eine Leica oder Nikon.
Da der Verschluß also höchst diffizil zu warten ist, würde ich von vornherein nur ein Gehäuse kaufen, in dem der Verschluß funktioniert. Bei den anderen kann man direkt dreistellige Reparaturkosten dazurechnen. Gut, auf die 1/1250 sek. kann man verzichten. Aber die anderen Zeiten sollten es schon tun.
Denn Defekte kann man zwar beheben lassen; aber Werkstätten, die das können, sind sehr viel seltener als z.B. Werkstätten für die Leica. Zum Glück gibt es nach wie vor einige. Man sollte dort aber vorher nachfragen - und sie keinesfalls mit Werkstätten verwechseln, die sich auf die Contax/Yashica-SLR oder auch nur auf die Dresdner Spiegel-Contax spezialisiert haben. In denen steckt eine komplett andere Technik.
Ich hatte bei meinen drei Gehäusen, obwohl ohne vorherige Ansicht nur aufgrund der Artikelbeschreibung und via Versand gekauft, das nötige Glück: eine Contax IIa und eine II belichteten einwandfrei ihre Probefilme, bekamen dennoch sicherheitshalber eine Grundüberholung, was pro Stück 200 € kostete (wobei die II allerdings nach einem Jahr die besagten Fehler bei den kurzen Zeiten ab 1/250 sek. zeigte - sie ist momentan noch in der Werkstatt). Eine IIIa, die ich seit knapp zwei Jahren habe, harrt (weil ich noch auf die Fertigstellung der besagten II warte) noch ihrer CLA, funktionierte aber gleichfalls vom Fleck weg - erst kürzlich sind mir einzelne Fehler bei der 1/1250 und bei B aufgefallen. Damit kann ich aber fürs erste gut leben. Auf einer ganzen Reihe Filme von diversen, auch strapaziösen Reisen mit einigem Geschüttel hat die Kamera bislang keine Ausfälle gezeigt.
Zu den Zeiss-Objektiven gibt's da nicht viel zu sagen: Man sollte auf dieselben Dinge achten wie bei jedem anderen älteren Objektiv.
Plus:
- klein, leicht
- Nachkriegsverschlüsse sehr leise
- flexibel
- Charakter der klassischen vergüteten Zeiss-Nachkriegs-Sonnare
- zusätzlich bei bestimmtem Licht reizvolle Sondereffekte durch unvergütete Vorkriegs-Objektive
- heute sehr gutes Preis/Leistungs-Verhältnis, besonders bei Nachkriegskameras
Minus:
- Meßsucher bis zuletzt auf dem Stand von 1936
- Vorkriegsverschlüsse laut
- Um ein Objektiv abzunehmen (Ausnahme: 85-mm-Sonnar) braucht man meist zwei Hände.
- Sorgfalt beim Filmeinlegen ist angeraten.
- Für kommende Lebenslagen Reparatur- und Wartungsmöglichkeiten klären - also tunlichst eine kompetente Werkstatt finden.
- ein Vergleich mit der Schraubleica
- ein Vergleich zur Nikon One
- Unterschiede zwischen Vorkriegs- und Nachkriegs-Contax aufgelistet zugleich eine Kaufberatung zur Nachkriegs-Contax
- Details zum 50-mm-Sonnar
- Sammlung mit Bildern des heutigen C-Sonnars
- und natürlich Henry Scherers Portal mit einer Überfülle Details
Michael

