KIEV-60 und das P6-Kamerasystem (Kameraportrait)

Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Hallo zusammen,


Heute soll es im Segment 6x6 Systemkameras um einen echten Klassiker gehen.
Erstens um die System-SLR-Kamera KIEV 60 (K60) und zweitens um das sehr
interessante Praktisix/Pentacon SIX (P6)- Kamerasystem, das seit fast 70 Jahren
die 6x6 Kameraszene mitbestimmt hat ... bis heute sogar .... denn es war und ist vor
allem eines .... besonders gut und besonders preiswert in der Anschaffung.

KIEV-60 - 15.jpg


Die Geschichte der KIEV 60 (K60) beginnt allerdings viel früher, als es diese ukrainische Kamera je gab,
nämlich in 1956, als in Dresden eine damals revolutionäre neue 6x6 Mittelformat Kamera und damit ein
damals ganz neues Kamerasystem vorgestellt wurde.
Die Praktisix war die erste "vollautomatische" 6x6 Spiegelreflexkamera der Welt (aus Dresden).
"Vollautomatisch" bedeutete damals, dass der Filmtransport mit dem Verschlussspannvorgang gekoppelt war und automatisch (also ohne Schaufensterabgleich) funktionierte.
Ferner war die Praktisix (ab 1966 dann Pentacon SIX genannt) mit einer automatischen Springblendensteuerung ausgestattet .... damals revolutionär neu und zeitgleich auch bei der Praktica FX-2 (Kleinbild) eingeführt, die ich hier vorgestellt hatte:

Praktica FX2 .... Kameraportrait

Warum nicht das ORIGINAL?!

Ganz einfach. Die Praktisix war zwar ein Meilenstein der 6x6 Systemkamerageschichte, war aber leider von der ersten bis zur letzten Kamera fehlkonstruiert.
Das Problem ist ihr ewig defekter Filmtransport-Mechanismus der nie bleibend repariert werden konnte und für dessen Instandhaltung es bis heute leider keine dauerhafte Lösung gibt.

Eher früher, als später gibt es mit jeder Pentacon SIX das Problem, dass der Film überlappend belichtet wird (weil zu kurz transportiert) und dann komplett Ausschuss ist.
Unverständlich war und bleibt, dass dieses Dauerproblem über Jahrzehnte nie behoben wurde, die ersten bis zu den letzten Kameras betrifft und leider auch "sporadisch" auftritt .... will sagen .... ein Film wird normal transportiert, der nächste überlappt dann wieder. Kurz ... eine SIX ist leider immer eine sehr unzuverlässige Kamera.

Zu den genauen Unterschieden beider Kameras (Pentacon SIX vs. K60) gibt es einiges im Netz zu finden ... zusammenfassend kann ich sagen, dass die P6 leider fehlkonstruiert ist (allerdings sehr gut gefertigt),
die K60 im Gegenzug die zwar bessere Konstruktion ist, dafür aber leider grottenschlampig gefertigt wurde.
Zu den zahlreichen (aber lösbaren!) Problemen mit der KIEV 60 komme ich später noch.

Es gibt noch eine dritte Option, die zahlreichen und erstklassigen Objektive des P6-Systems zu nutzen und das ist die KIEV 88CM.
Dabei kommt es sehr auf das "CM" an. Eine KIEV 88 ohne "CM" hat kein P6-Kamerabajonett,
sondern einen eigenen KIEV-88 Objektiv-Anschluss (K88-Schraubanschluss). Die KIEV 88 sieht aus,
wie eine Hasselblad und hat ähnliche wechselbare Filmmagazine.

Vorsicht bitte mit der 88CM!!! Sicher eine interessante Kamera .... aber .... meilenweit entfernt von der Qualität einer Hasselblad. Diese Kamera gilt als die störanfälligste aller P6-Systemkameras.

DAS P6-Kamerasystem (Objektive und Zubehör)

So problematisch, wie die Kameragehäuse waren und sind, so unproblematischer und hochwertiger sind eigentlich alle, der inzwischen sehr zahlreichen Objektive für dieses alte (sehr frühe) Kamerasystem.

Carl Zeiss JENA machte in 1956 den Anfang und produzierte von Beginn an hochwertige Spitzenoptik für die Praktisix.
Mehrere Rechnungen gelangen so gut, dass sie bis zum Produktionsende nie geändert oder verbessert werden mussten (oder konnten).
Alle CZJ-Objektive versprechen (wenn gut gepflegt) unzweifelhafte Bildqualität.
Produktionsschwankungen oder Qualitätsprobleme gibt es bei diesem Hersteller einfach nicht.
Die gleichen Objektive wurden eben deswegen auch an der "HASSI" gerne genutzt .... für ein vielfaches des Preises, den sie mit einem "billigen" P6 Kameraanschluss kosteten. Diese Preisdifferenzen gibt es natürlich bis heute .... eine Hasselblad ist eben auch ein Prestigeobjekt.

Bei den P6 Objektiven gelten heute die CZJ Objektive als erste Wahl .... viele (z.T. seltene Fremdobjektive aus deutscher Produktion sind sogar inzwischen ebenfalls gehypt und deswegen teuer ... es gibt aber auch zahlreiche russische Objektive, die viel viel besser sind, als ihr angekratztes Image.
Wer vor Optik aus Russland keine "Angst" hat, kann hier Schönes und Gutes zum günstigen Preis haben.

Eine Übersicht:

Objektive für die Pentacon six

KIEV 60 Kameragehäuse.

Die Geschichte der K60 beginnt schon mit ihrer langjährigen Vorgängerin der KIEV-6C, die ihr schon 1970 sehr ähnlich sah.
Die KIEV-6C war damals eben kein Nachbau der Pentacon SIX (wie oft unterstellt), sondern doch schon eine eigenständige Konstruktion, die aber mit einigen Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte.
In den Westen gelangte diese Kamera nur in kleinen Stückzahlen, weil die Händler keinen Ärger wegen ihrer schlechten Fertigungsqualität haben wollten.
Wichtigster Unterschied der VORGÄNGERIN KIEV 6C zur hier vorgestellten K60 war ihr LINKSAUSLÖSER!
Für mich ein absolutes NO-GO! Eine Kamera mit der Linken Hand auszulösen würde mich wirklich stören.
Mit dem Wechsel von der KIEV 6C zur KIEV 60 (ab 1984) wurde das geändert ... der Auslöser wurde auf die "RICHTIGE" Kameraseite verlegt, die ganze Kamera überarbeitet, konstruktiv verbessert und endlich dann auch zuverlässig gemacht.


KIEV-60 - 7.jpg


Leider sind viele K60 schlampig verarbeitet und machen deswegen Ärger im Betrieb. Dabei handelt es sich aber um lösbare Probleme, die man in Eigenregie nacharbeiten kann. Meist geht es dabei um schlampige Einstellarbeiten
(Kalibrierungsarbeiten), die in Dresden so NIE eine Endkontrolle überstanden hätten.
Typische Mängel und deren Behebung werden HIER beschrieben:

Kiev 60 Kalibration

WARUM DIE KIEV 60 DIE BESSERE PENTACON SIX IST:

Qual der Wahl!

Die SIX ist die hübschere und die viel wertiger gebaute Kamera ...aber sie hat die genannten konstruktiven und nicht behebbaren Mängel mit dem Filmtransport.
Sie ist deswegen riskant unzuverlässig! 😳
Die K60 ist konstruktiv die bessere Kamera, leider ist sie saumäßig schlecht gefertigt!
Pluspunkt aber ist, dass man die K60 in Eigenregie nacharbeiten (lassen) kann (die meisten gebrauchten K60 sind schon "überarbeitet") und sind dann (einmal instand gesetzt) zuverlässig und gut funktionierend.

EIGENE ERFAHRUNGEN MIT MEINER NAGELNEUEN KIEV 60:

Dank an Oz75!

Der Kollege Oz75 schrieb mir vor einger Zeit, dass er eine Quelle für unbenutzte (neuverpackte) KIEV-60 Kamerasets aufgetan habe und ob ich auch eine wolle?!
Ich habe da nicht lange überlegt (zumal günstig zu haben) und mir auch eine solche gesichert.

Ich hoffe, dass Oz hier im Faden auch noch über seine (nagelneue) K60 berichtet ....ich glaube wir haben da z.T. ähnliche Erfahrungen gemacht .... da war "NACHARBEIT" unumgänglich.

Die "neue" Belederung löste sich an mehreren Stellen von der unbenutzten Neukamera, die Springblendensteuerung funktionierte gar nicht (war vergessen worden, einzustellen) und der erste Testfilm zeigte merkwürdige "Schatten" auf einigen Negativen .... zwei Filmfelder waren gar nicht belichtet.
Die Ursache fand sich dann darin, dass ein langer loser Faden aus dem Verschlusstuch heraushing, die Verschlussvorhänge sogar gegeneinander verklemmt hatte und für die Schatten auf den negativen verantwortlich war.
Ferner war das nagelneue TTL-Prisma ohne Funktion .... der Lichtmesser war "tot".
Das Prisma wurde dann vom Verkäufer gegen ein funktionierendes ausgetauscht.
Soooo viel dann mal zu (m)einer K60 im "Auslieferungszustand".
Qualität ist anders!
Nachdem die Mängel nun abgestellt sind, funktioniert die "neue" alte Kiste jetzt gut.

Besonders gut gefällt mir der Schachtsucher der Kamera:

KIEV-60 - 11.jpg

Neben den Funktionen, die man von fast allen TLR-Schachtsucher-Kameras kennt (Schachtblick / Sucherlupe / Metallrahmen-Schnellsucher) hat dieser geniale Lichtschachtsucher auch noch eine einfache Spiegelreflex-Sucherfunktion über einen eingebauten Klappspiegel:

KIEV-60 - 8.jpg


Unterhalb des Rahmensuchers schaut man so durch ein Okular, dass sich ein hochwertiges SLR-Sucherbild ergibt (allerdings -weil ohne Pentaprisma- seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend). Immerhin ist so schnelles und ganz exaktes Fokussieren möglich ..... und .... wer mit einem seitenverkehrten Kopfstandbild komponieren kann, kann so auch auf das Pentaprisma verzichten.
Immerhin eine gute Idee, die ich von keiner anderen Schachtsucher Kamera so kenne!
Die Mattscheibe macht ein helles und sehr klares Sucherbild ... Fokussieren ist gar kein Problem so.

KIEV-60 - 1.jpg


Im Gegensatz zur Pentacon Six wurde die KIEV 60 immer auch mit einem TTL-Aufsatz-Pentaprisma geliefert, das sie zur "normalen" Spiegelreflex-Kamera macht.
Für die SIX aus Dresden gab es als Zubehör zwei Prismen ... eines ohne und ein sehr teures mit TTL-Belichtungsmesser.
Ein weiteres PLUS der K60 ist, dass jedes Prisma einen TTL-Lichtmesser beinhaltet.

KIEV-60 - 5.jpg

KIEV-60 - 9.jpg


Das Prisma ermöglicht sehr genaue TTL-Belichtungsmessung und macht in seiner Bedienung durchaus Spaß.
Allerdings ist es "ungekoppelt" .... will sagen, es weiß nicht, welche Offenblende das verwendete Objektiv hat oder überhaupt, wie die Kamera eingestellt ist.
Man muss also die Offenblende des Objektives oben am Stellrad des Prismas zunächst mal einstellen:
Am oberen Rand des Sucherbildes gibt es dann zwei rote LEDs! Eine zeigt Unterbelichtung, die andere Überbelichtung an.
Man muss dann am Drehsteller des Belichtungsmessers so lange drehen, bis beide LEDs leuchten .... dann passt die Belichtung. Jetzt kann man die Schablone oben am Stellrad ablesen und sich eine passende Kombination aus Verschlusszeit und Arbeitsblende aussuchen und dann an der Kamera selber einstellen.
Irgendwelche Belichtungsautomatiken gibt es bei dieser Kamera NICHT ....und sie wurde bis 1999 so gebaut .... spartanisch untermotorisiert in ihren letzten Tagen, wenn man mal guckt, was japanische Kameras in 1999 so alles schon konnten.

Sieht man mal von der TTL-Belichtungsmessung ab (die bei Pentacon 1956 auch noch nicht verfügbar war - später gegen Mehrpreis für das TTL-Prisma-, dann muss man zugeben, dass die K60 1999 mit der Ausstattung der Praktisx anno 1956 in Rente ging.
Ganz genau genommen ist die Ausstattung beider Kameragehäuse nicht exakt gleich .... der K60 fehlt das Vorlaufwerk (Selbstauslöser) und die Verschlusszeit von 1s, die die SIX kann.

Die K60 kann Zeiten von 1/2s bis 1/1000s.
Dafür dann aber das immer mitgelieferte TTL Prisma der K60, das bei der SIX teures Zubehör war.

P6 Kamerasystem:

Wenn man nun ein funktionierendes Kameragehäuse hat, kann der Spaß beginnen. Man kann sich nun
etwas Zeit nehmen und sich eine schöne 6x6 Ausrüstung zusammenstellen.
Wer, -wie ich- keine Angst hat, auch die russischen Objektive in die Wahl zu nehmen, spart dann
auch "noch'n paar Markfünfzig" für eine Komplettverglasung.
Eine von vielen möglichen "Verglasungen" für ein P6-Kamerasystem sieht in meinem Fall mal so aus:

Normalobjektiv: MC VOLNA-3 80mm/ F:2,8

KIEV-60 - 4.jpg


Das MC-Volna-3 ist ein hochwertiger lichtstarker mehrfach vergüteter Sechslinser, der brillante und knackscharfe Aufnahmen abliefert und dem Klassiker aus Dresden (CZJ Biometar 80mm/2,8) in seiner Leistung IMHO nicht nachsteht.
Meines Wissens wurden alle K60 mit diesem Standard-80er ausgeliefert während das Vormodell KIEV 6C zumeist mit einem VEGA 90mm/2,8 ausgeliefert wurde.
Mein "neues" Volna-3 fasst sich sehr wertig an, lässt geschmeidig fokussieren und verfügt über eine automatische Springblendenfunktion.
Im Vergleich mit dem Zeiss Biometar hat das VOLNA-3 den Vorteil, dass es einen Midestfokus von nur 60cm hat.
Das Biometar ist da mit 100cm im klaren Nachteil.
Die Bokehs beider Objektive sind Geschmacksache .... das Volna-3 macht das klassische SOFT-Bokeh ... das Biometar ist da wohl etwas swirliger im Vergleich.

Wenn mir an meinem VOLNA-3 etwas NICHT gefällt, dann ist es seine "FALSCHRUM"-Fokussierung.
Leider haben wohl alle russischen Objektive die mir unangenehme Linksgewindefokussierung, die z.B. auch bei NIKON üblich ist.
Natürlich ist das "Gewohnheitssache" .... ich fokussiere ja wirklich GERNE manuell aber bei den "Falschrum-Linsen" verwechsele ich natürlich ständig die Drehrichtung, weil ich das seit Jahrzehnten mit Rechtsgewindefokusgang gewohnt bin.
Wie gesagt .... ALLE russischen P6 Objektive sind so ... man muss das so hinnehmen, oder sie deswegen aus der Wahl nehmen......ich "fresse also den Schuh".

Portrait Tele: Carl Zeiss Jena BIOMETAR 120mm / F:2,8

KIEV-60 - 14.jpg

Das Biometar 120mm gehört zu den allerersten P6 Objektiven und wurde von 1656 bis 1988 mit wohl
unveränderter Rechnung gebaut.
Hier ein 120er der ersten Serie "Lederversion". Diese Serie ist am Stellring beledert und gefällt mir wirklich gut. In den 1960ern kam dann das "Zebra-Design" und die dritte und letzte Serie "MC-Serie" war dann "modern" schwarz eloxiert und erstmals mehrfachvergütet.
Das 120er aus Jena ist ein Traum in scharf, lichtstark, bokehschön und high end verarbeitet.
5 Linsen arbeiten in drei Gruppen, eine automatische 6-Blatt-Springblende war schon 1956 verbaut und
130cm Mindestfokus gehen sehr in Ordnung.

Mittlerer Telebereich: Carl Zeiss Jena SONNAR 180mm /F;2,8

KIEV-60 - 10.jpg

Wenn das 120er Biometar schon schwer ist, dann ist das Sonnar 180mm/2,8
RICHTIG schwer.
Dieser Glasbaustein aus Jena entschädigt für die Schlepperei dann aber mit wirklich guter
Abbildungsleistung. Dieses Objektiv wird sehr gerne auch an Kleinbild-Digitalkameras adaptiert. Sogar am kleineren KB-Bildkreis brilliert es mit außergewöhnlicher Bildschärfe.
Ich habe hier ein ZEBRA-Design erwischt .... die zeitlich mittlere Ausführung also.
Auch dieser Fünflinser in Drei Gruppen ist ein P6-Objektiv der ersten Stunden .... ein echter Klassiker,
der allerdings mit 170cm Midestfokus schon recht weit greift.
1956 revolutionär, später selbstverständlich ... alle CZJ 180er Sonnare haben automatische Springblenden .... das 180er 7-blättrig.

Langtele: MEYER GÖRLITZ ORESTEGOR 300mm /F:4

KIEV-60 - 2.jpg

Im Bereich 300mm habe ich ein Meyer Görlitz ORESTEGOR 300mm/F:4 geangelt.
Wie man sieht, hat dieses 2kg. Metalltrumm so einige Gebrauchsspuren "Patina"
abbekommen. Technisch ist es (jetzt wieder) in sehr gutem Zustand. Nach Teilzerlegung
und Reinigung steht dieser alte lichtstarke Fünflinser nun wieder sehr gut da.
Das Orestegor ist definitiv älter als 1967, wurde dann als Pentacon 300mm/4 optisch
unverändert weiterproduziert.
5 Linsen in vier Gruppen versprechen ein hoch entwickeltes 6x6 Teleobjektiv.
Erste Testaufnahmen damit zeigen, dass es klasse scharf zeichnet und Blende 4 ist für diese
Brennweite und den riesigen Ausleuchtungskreis eine gute Entschädigung für das leider
sehr hohe Gewicht dieses "Brockens".
Das Orestegor hat keine automatische Springblende, sondern eine 19-Blatt Vorwahlblende,
die für eine ideal kreisrunde Blendenöffnung und ein dementsprechendes Bokeh der damit
gemachten Aufnahmen sorgt.
Der Mindestfokus des Meyers liegt bei 360cm.
Mein Exemplar macht einen sehr ordentlich verarbeiteten Eindruck .... Blende und Fokusgang
lassen sich nach 5 Jahrzehnten sehr leicht und geschmeidig stellen.


Leichter Weitwinkel Bereich: MIR-3-B 65mm/F3,5

KIEV-60 - 5.jpg

Will man die 6x6 Brennweite hinsichtlich des Bild-Blickwinkels mit einer Kleinbild Optik vergleichen,
dann muss man diese mit 0,64 multiplizieren.
Das 65er entspricht also diesbezüglich einer KB-Brennweite von etwa 40mm.
Das MIR-3 65mm wurde erstmalig 1957 und bis 1984 mit verschiedenen Kameraanschlüssen
(auch für Hasselblad V Kameras) verkauft und hat einen recht guten Ruf, was seine Bildqualität betrifft.
Wer eines für das P6 system sucht, der achte bitte auf das "B" in der Bezeichnung, denn das kennzeichnet den P6-Kameraanschluss.
Auch diese Optik ist alles andere als kompakt oder leicht. Sechs Linsen in fünf Gruppen bedeuten eine
aufwendige optische Konstruktion. Dabei ist die Lichtstärke von F:3,5 hinsichtlich seiner Baugröße
nicht überwältigend gut.
Der Mindestfokus ist mit nur 40cm klasse kurz. Das MIR verfügt über eine automatische Springblende
(6-Blatt), ist scharf und sehr gut verzeichnungsfrei auskorrigiert.
Sonst sehr gut erhalten kam meines leider ohne Rückdeckel und ohne Frontkappe.
Auf sowas sollte man aber achten! Rückdeckel für das P6 system sind zwar immer zu bekommen,
aber nicht gerade billig!
Schwierig war es aber eine passende Frontkappe zu bekommen ... das hat lange gedauert und man braucht sie unbedingt, um dei riesige Frontlinse zu schützen.
Wäre das MIR etwas kleiner bauend und hätte es Offenblende 2,8, dann wäre für mich ein 65er die ideale Standard-Optik.
Ein gut gebautes ordentliches Objektiv .... leider auch wieder mit der ollen Linksgewindefokussierung .....
was will ich machen!😟

Weitwinkel: MIR-26-B 45mm / F:3,5

KIEV-60 - 13.jpg

Wer das wohl beste und schärfste rektilineare Weitwinkel für das P6-Kamerasystem haben will,
der schaut mal nach dem CZJ-Flektogon 50mm.
Das Flektogon 50mm ist kein Objektiv der ersten Stunde sondern wurde später nachgeschoben.
Eine "LEDER-Version" dieser Optik gibt es deshalb auch nicht.
Lange war das Flektogon 65mm das kürzeste (nur leichte) Weitwinkel des frühen P6 Kamerasystems.
Das 65er Flekttogon wurde nach einigen Jahren der "Überschneidung" zu Gunsten des 50ers dann aus der Produktion genommen. Eine MC-Version des 65er Flektogons gab es deswegen nie.
Und genau an dieser Stelle tut sich ein Mangel des P6-Kamerasystems auf. Es gibt keine wirklich SEHR kurzen rektilinearen (also verzeichnungskorrigierten) Weitwinkel.
Das Flektogon 50mm ist das kürzeste Carl Zeiss-Jena Objektiv für das System und entspricht damit etwa einem 32mm KB-Objektiv.
Kürzer geht es (rektilinear) und bezahlbar nur noch mit dem oben gezeigten MIR-26-B .... auch hier steht das "B" wieder für den P6-Kameraanschluss.
Das endgültig allerkürzeste rektilineare P6 Objektiv ist das superteure extrem seltene Schneider Curtagon 40mm .... wir reden dann über einen vierstelligen Kaufpreis und vorne steht wohl keine 1.
Für mich tut's dann das MIR 26-B, das wirklich sehr ordentlich abliefert.
Mit 45mm Brennweite an 6x6 entspricht das MIR einer KB-Brennweite von 28mm.
Der aufwendig konstruierte 8Linser ist mit F: 3,5 sogar etwas lichtstärker als das CZJ-Flektogon 50mm.
Der Mindestfokus beträgt nur 50cm und die Optik baut vergleichsweise klein ....
insbesondere verglichen mit dem 65er MIR.
Auch das MIR-26 ist ein Klassiker, der ab 1970 das ältere Flektogon 50mm um 5 Millimeter Brennweite
unterbieten konnte.
Auch wenn ich mit dem MIR-26 sehr zufrieden bin, würde ich mich einem "günstigen" 50er Flektogon nicht verweigern wollen .... mal sehen .... vielleicht finde ich noch eines.
Wenn ich beim MIR was kritisieren soll, dann natürlich wieder das typisch russische Linksgewinde
am Fokusgang .... wer's mag .....ich NICHT!😟

Super Weitwinkel: ZODIAK-8 30mm/F3,5 (MC-ARSAT 30mm F:3,5)

KIEV-60 - 16.jpg

Seit 1981 gibt es für das P6-Kamerasystem tatsächlich auch ein Superweitwinkelobjektiv mit wirklich kurzen 30mm Brennweite.
Allerdings ist das kein rektilineares Weitwinkel mehr, sondern ein Fisheye-Objektiv! Zumindest aber eines, das das 6x6 Format bis in die Bildecken ausleuchtet.😊
Eigentlich bin ich kein Fisheye Fan, beim ZODIAK 8 mache ich aber gerne mal eine Ausnahme, zumal es
für den extremen Bildblickwinkel ja auch keine P6-Alternative gibt.
Der lichtstarke 10-Linser mit der riesigen Frontlinse zeichnet prima scharf und ermöglicht coole Perspektiven.
Der Mindestfokus ist mit 30cm ebenfalls klasse kurz. Das oben in Klammern genannte MC-ARSAT 30mm ist übrigens ein baugleiches Pendent des Zodiak -8.
Meines ist tatsächlich auch nagelneu bei mir angekommen .... vom selben Verkäufer, wie die "nagelneue" Kiev 60 Kamera.
Auch das Zodiak-8 hat automatische Springblende und mehrfach vergütete Optik.

Zubehör für das P6 Kamerasystem:

Da fehlt nicht wirklich viel und alles ist im Vergleich relativ preiswert zu haben:
Hier mal ein 2X Telekonverter mit Springblendenübertragung aus russischer
Produktion:

KIEV-60 - 3.jpg

Ein originaler P6-Zwischenringsatz mit Springblendenübertragung aus Dresden:

KIEV-60 - 12.jpg

Und auch ein P6 Balgengerät ist erhältlich:

KIEV-60 - 6.jpg

Wie schon erwähnt, ist ein "Mangel" der K60, dass sie kein Vorlaufwerk "Selbstauslöser" hat.
Auch Selbstauslösung lässt sich mit Hilfe eines externen Vorlaufwerkes realisieren:

KIEV-60 - 21.jpg

KIEV-60 - 20.jpg

FAZIT:

Wer Lust auf ein wirklich gutes und vollständiges 6x6 Film-Kamerasystem hat und diese Idee vergleichsweise preiswert realisieren möchte, findet im 1956 lancierten PractiSIX (später Pentacon SIX) "P6" Kamerasystem eben diese Option.
Problem sind nicht die zahlreichen und sehr guten Objektive für dieses Kamerasystem, sondern die Kameragehäuse dafür.
Wie oben zerlegt, gibt es keine einzige Kamera, die problemlos funktioniert.
Wer eine zuverlässig funktionierende und letztlich gute Kamera möchte, der ist IMHO mit einer revidierten KIEV 60 gut bedient.
Wenn diese gut konstruierte aber mies gefertigte Kamera einmal in Ordnung gebracht wurde, dann bleibt sie auch für Ewigkeiten in Ordnung.
Eben das ist mit einer Pentacon SIX oder einer KIEV 88 CM kaum möglich, weil man diese Kameras nicht dauerhaft repariert kriegt.
Vorsicht ist auch mit der Vorgängerin der KIEV 60, -der KIEV 6C- angesagt.

Die 6C (ab 1970) ist immer sofort an ihrem Linksauslöser zu erkennen .... für mich ein NOGO ... eine ergonomische Fehlleistung .... ich finde ja die Linksgewindefokussierung der russischen Objektive schon problematisch.
Mit der linken Hand die Kamera auch noch auszulösen ..... das ist mir dann wirklich EINER ZU VIEL!

NACHTRAG:

Warum nun die KIEV 60 so "übel zusammengehauen" produziert wurde bleibt für immer ein Rätsel??!
Fakt ist, dass die Fabrik -ARSENAL Werk Kiev- eine ehemalige Munitionsfabrik war.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden dann bei ARSENAL optische Geräte und eben auch Kameras gefertigt.
Eine Theorie ist, dass die Arbeiter(innen) dort weder Lust noch Affinität zum Produkt gehabt haben sollen und deswegen ohne allzu schlechtes Gewissen wenig sorgfältig gefertigt haben sollen??!
Nun muss man aber auch berücksichtigen, dass die K 60 ja erst 1984 das Vormodell 6C abgelöst hat und bis dahin ja lange genug Zeit gewesen sein sollte, um sich mit dem Produkt zu arrangieren.

Wie auch immer .... wenn sie in Ordnung ist (oder gebracht wurde) dann macht sie sehr viel Spaß und dann kann man sich auf die K60 wirklich auch verlassen.

Grüße und rettet Film😊

Klaus

P.S. Im Anschluss dann mal Aufnahmen aus der KIEV 60 mit mehreren der oben vorgestellten Objektive
aufgenommen ..... bis gleich dann .........😊😊
 
Zuletzt bearbeitet:
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
SUCHE NACH EINEM GUTEN P6 KAMERAGEHÄUSE ..........😊

Hallo zusammen,

auch wenn es (erwartungsgemäß) nur wenige interessiert ....😊.... ich möchte derjenigen/demjenigen, der sich für dieses IMHO sehr sehr wertvolle Mittelformat 6x6 Kamerasystem interessiert noch weitere Informationen zur Wahl des am besten geeigneten Kameragehäuses geben bzw. verlinken.😊

Die Firma Baier Fototechnik .....

baier fototechnik Pentacon Six, Exakta 66, Kiev 60

.....existiert leider nicht mehr. 😞

Dort konnte man beide (Pentacon SIX und auch KIEV 60) reparieren und kalibrieren lassen.
Zu Informationszwecken ist diese Seite aber noch am Netz und ich denke, dass es dann ganz o.k. sein dürfte, wenn ich einen Screenshot von Baier (Quellel ja oben genannt) poste, der drei mögliche Kameragehäuse für das P6-Kamerasystem direkt gegenüberstellt.

Was ist eine EXAKTA 66????

Die EXAKTA 66 ist eine weiterentwickelte (Praktisix/Pentacon SIX), die sich IMHO aber nicht wirklich vom Original abzuheben vermag (Baierfoto bestätigt meine diesbezügliche Meinung wohl auch)

Genaueres HIER:

Exakta 66 – Wikipedia

Der Vollständigkeit halber muss ergänzt werden, dass es auch eine EDELVERESION der KIEV 60 gibt .....

ARAX-60/MLU medium format film camera body.

Beide, die EXAKTA 66 und die ARAX 60 sind SAUTEURE revidierte und veredelte Pentacon SIX bzw. KIEV 60 Derivate, zu denen ich natürlich auch eine Meinung habe ... die da lautet .... NICHT GRUNDSÄTZLICH ANDERS ..... GERNE BESSER VERARBEITET!!😊😊😊

Ansonsten deckt sich die Einschätzung von Baierfoto mit gennau dem, was man an Erfahrungsberichten
in Sachen Pentacon SIX vs. KIEV 60 im Netz so findet!

QUELLE:

http://www.baierfoto.de/Beratung_Kameravergleich.html

Bild - 15.jpg

Im Vergleich steht eine revidierte und geprüfte KIEV 60 gegenüber dem Original aus Dresden nicht wirklich schlecht da. 😊

Grüße und rettet Film

Klaus
 
Zuletzt bearbeitet:
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Vielen Dank für das Interesse.😊

Mittelformat Film-Photoraphie muss ja grundsätzlich nicht teuer werden .... ich habe ja inzwischen einige sehr preiswerte Kameras vorgestellt.
Wer ein SLR-Mittelformat Kamerasystem sucht, muss etwas tiefer in die Tasche greifen.
Genau dann, wenn es nicht eben "sündhaft" teuer werden soll, dann ist das P6-6X6 System die Lösung.
Wer eine gut funktionierende Kamera für das System zur Hand hat, muss bei der Bildqualität und beim verfügbaren Zubehör gar keine Abstriche machen.
Fragen, Anmerkungen oder Ergänzungen immer gerne hier im Faden.😊

Grüße und rettet Film

Klaus
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: [email protected]
oz75

oz75

Moderator
Beiträge
7.113
Tja, was soll ich hier eigentlich noch schreiben, außer "Danke für das wieder einmal GENIALE Kameraportrait".👍👍

Das mit der Arax hast Du ja auch schon erwähnt. Teuer, aber immerhin sorgfältig aufgearbeitet.
Die Arax kommt dann aus Kyiv (Kiev) - also dem Namensgeber der Kamera. D.h. zum Kauf und Versand, kommt noch Zoll. Nicht ohne.

Ich habe mir ein Standardmodell gegönnt und hatte allerdings diesbezüglich erst im zweiten Anlauf Glück.
Die erste hatte einen kaputten Verschluss und ging direkt retour.
Die zweite war dann ein Glücksfall - der Verkäufer hatte gefühlt einen Container voll nagelneuer Kiev60 von seinem Onkel geerbt. Und noch Unmengen an Zubehör dazu. :)

Die Kamera macht enorm viel Spaß, wenn man sich mit ihren gelegentlichen Schrulligkeiten arrangiert.
Das 80er Volna ist toll - aufgrund seines weichen Bokehs auch wunderbar für Portraits.

Bilder damit hatte ich hier gezeigt:

Die Wand
Das Gerüst
Die Brücke

Auch das 180er Sonnar ist prima.

Die Kamera zieht Blicke auf sich, sieht sie doch aus, wie eine Spiegelreflex auf Steroiden!
Und dann das Veschlussgeräusch. Großartig.
 
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Vielen Dank für Deinen Beitrag.😊

Die Kiev 60 (wie alle 6x6 SLRs) ist schon ein "gewaltiger"🤣 Trümmer.

Hier mal ein Größenvergleich mit einer Praktica VLC-2 , die ebenfalls einen auswechselbaren
Schachtsucher / Prismensucher hat und der die KIEV designmäßig sehr ähnelt.

Kameraportrait PRAKTICA VLC 2

Bild - 16.jpg

Jedenfalls braucht man da keinen "Batteriegriff"😖 mehr, damit sie gut in der Hand liegt.
Sehr auffällig übrigens, dass der Auslöser tatsächlich identisch zu sein scheint.

Grüße und viel Spaß mit Film

Klaus
 
Zuletzt bearbeitet:
matt314

matt314

Beiträge
23
Hallo Klaus

Auch von mir danke für den tollen Bericht.
Das ist hier besser als jede Foto- Postille, da steht nur drin was man kaufen soll-
Freue mich schon aufs nächste Mal.

viele Grüße

Matthias
 
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Hallo zusammen,

ich freue mich sehr, dass auch solche (absolute) Randthemen zur Photographie😊 hier Beachtung
finden.
Ich sehe sowas einfach (AUCH) als Zukunftsinvestition ..... so ulkig das klingen mag, wenn es um Vergangenes geht, das aber schnell auch wieder aktuell wird, wenn Leute merken, wie interessant und chick die Film Photographie war und wieder werden sollte.

Mit Film Photographieren ..... anders .... schwieriger ..... zeitintensiver ..... überlegter .... 😊

Es resultieren andere Photos mit einem ganz eigenen Look ...... sagt ein sehr überzeugter DIGITAL-Photograph😊

Rettet Film!

Grüße und schöne Photos

Klaus
 
dj69

dj69

Beiträge
4.718
Moin Klaus,
vielen Dank für diesen wieder sehr gelungenen Bericht zur P6 Familie!

Je mehr ich über diese Kameras Lese desto heftiger juckt es in den Fingern.... ;)
Objektive habe ich ja schon...
120/2.8 - 180/2.8 - 300/4
Hmmm....
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: oz75 und Klaus-R
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Moin Klaus,
vielen Dank für diesen wieder sehr gelungenen Bericht zur P6 Familie!

Je mehr ich über diese Kameras Lese desto heftiger juckt es in den Fingern.... ;)
Objektive habe ich ja schon...
120/2.8 - 180/2.8 - 300/4
Hmmm....

Hallo Dirk,

Das sind Brennweiten/Offenblend-Kombinationen, die nach Carl Zeiss Jena klingen?! Habe ich auch alle .... hinzu kommt jetzt auch noch das Zeiss Weitwinkel Flektogon 50mm/F:4, das gerade "unterwegs" zu mir ist.

Mit Objektiven von Zeiss Jena b ist Du TOP im Mittelformat unterwegs.
Gib' Dir mal den "Ruck" .... GO Film! Die neue Herausforderung, der andere Look ..... einen Mittelformat Scanner hast Du ja (glaube ich mich zu erinnern??!😊)
Da fehlt doch nur noch der "Wille" .....🤣🥰🥰

Filme gibt's z.B. bei FOMA.....!

Grüße und rettet Film!

Klaus
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: dj69
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
..... Kauf Dir ein "GEWERBLICH" gehandeltes Kamergehäuse, zieh' einen SW Testfim durch und schick ihn mir!
Ich entwickele Dir den SOFORT kostenlos und berichte, ob die Kamera in Ordnung ist! Wenn nicht, kannst Du sie dann problemlos zurückgeben!

Wir brauchen jeden Mann (oder Frau natürlich!) 😊

Grüße und rettet Film!

Klaus
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: dj69
mischel

mischel

Beiträge
51
Hallo,

vor etlichen Jahren gab es in Nürnberg in der Klaragasse die Firma Foto-Arsenal, Inhaber war Herr Boris Jamchtchik. Ich hatte seinerzeit dort nach und nach eine Kiev88-Vollausrüstung gekauft und kurz auch noch eine Kiev90. Er vertrieb das gesamte Kiev-Programm und hatte damals für hiesige Begriffe sehr attraktive Preise - was sich allerdings nach und nach änderte...

Nachdem ich mich dann völlig der Digitalfotografiererei widmete und meine gesamte Mittelformat-Ausrüstung an einen Interessenten abgab, verlor ich ihn mit seinem Geschäft aus den Augen. Er verließ dann auch Nürnberg, und ich stieß zufällig in Ebay wieder auf ihn, er war mittlerweile in Österreich tätig:

Photo Arsenal Worldwide - Zell am See

Wen es interessiert: Er war bzgl. Kiev-Mittelformat-Systeme ein absoluter Fachmann und konnte, wenngleich auch manchmal mit unglaublichen Wartezeiten, alles besorgen, was es gab. Man konnte sich damals auf ihn verlassen.

Das 30mm-Fisheye hab' ich sogar noch irgendwo. Da der Objektiv-Anschluß schraub- und zerlegbar ist, hab' ich da mit einem Messingteil und einem Opferobjektiv einen M42-Anschluß angebracht und mit der SD14 herumexperimentiert.

Auch wenn Klaus der Meinung ist, die Kiev88 sei anfällig, kann ich diese Auffassung nicht teilen. Ich hatte sie 8 Jahre lang völlig störungsfrei in Gebrauch - mitsamt komplettem Objektivpark - alles (nach osteuropäischen Grundsätzen für Stabilität) für die Ewigkeit gebaut und von den optischen Leistungen her dennoch beeindruckend. Ebenso beeindruckend war der Zubehörpark, qualitativ ebenso massiv, es gab alles, was man sich wünschte, verschiedene Rückteile, sogar eines für Polaroid-Filme, verschiedene Sucheraufsätze, die man leicht und schnell wechseln konnte, mit Belichtungsmesser und ohne, eine abgeänderte Transportkurbel usw. usw. Es war toll.

Die Kiev90 (ähnliches Gehäuse, alles komplett in vornehmem schwarz) war da schon eher ein Mimöschen. Ihr Vorteil war ein für damalige (osteuropäische) Verhältnisse ein ordentlicher Happen Elektronik, dessen Integration in die Mechanik allerdings desöfteren Ärger und Störungen verursachte. Wer sich da nicht helfen konnte, der warf schnell das Handtuch.

Vom Feeling einer Hasselblad 506, deren genaue Kopie die Kiev88 war, waren diese osteuropäischen Geräte allerdings weit entfernt. Entweder man kaufte eine bereits veredelte Kiev88 für einen ordentlichen Aufpreis oder man besorgte das Tunen selbst, wobei die Tuningmaßnahmen eigentlich allesamt nur mechanische Verbesserungen/Verfeinerungen der vorhandenen Teile waren (Grate entfernen, Achsen richten, lagern und schmieren etc.) - die Fertigungsqualität war, na ja, teilweise besorgniserregend. Aber man konnte was draus machen und hatte dann eine narrensichere Kamera, mit der man "richtig fotografieren" konnte (mußte) und die dann auch mit den Originalobjektiven bereits hervorragende Ergebnisse ablieferte. Die damaligen Nerds schafften sich natürlich Hasselblad-Linsen an und betrieben diese an dem leicht auswechselbaren Objektivanschluß der Kamera - da war es allerdings dann vorbei mit den erträglichen Preisen...

Das Fotografieren mit diesen Gerätschaften machte sehr viel Spaß, etwas störend war lediglich die Schlepperei der recht schweren und großen Ausrüstung - einerseits mittelformatbedingt deutlich größere und schwerere Objektive und dann auch noch wie gesagt, für die Ewigkeit gemacht.

Die ganzen Sachen gibt's auch heute noch neu zu kaufen - immernoch zu erträglichen Preisen... Für Digitalfans müßte man dann halt ein Digitalback von Hasselblad oder Phase One kaufen, gebraucht so um die 10k€ und neu ab etwa dreimal so viel. ;-)

Ich bin sicher, diese Kombo liefert auch heutzutage noch hervorragende Ergebnisse ab.

Tschüßla
der Michael
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: oz75 und Klaus-R
Klaus-R

Klaus-R

Moderator
Beiträge
20.635
Hallo Michael,

herzlichen Dank für Deinen Erfahrungsbericht zur KIEV 88.😊👍
Dennoch muss ich an dieser Stelle noch einmal etwas sortieren.😊

Die allermeisten KIEV 88 Kameras sind KEINE P6 Kameras!! Sie haben einen eigenen KIEV-88 Schraubanschluss und gehen daher am hier besprochenen P6 Kamerasystem vorbei.

Den sog. Praktisix/Pentacon-SIX/P6 Objektivanschluss hat nur die KIEV-88 CM, die ich der Vollständigkeit halber oben erwähne.
Späte KIEV-88 wurden als "CM" gebaut, weil sich eben dieses P6-System als das weit erfolgreichere etabliert hatte .... zumal eben dann (und nur dann) auch die CARL-ZEISS-JENA Sachen damit nutzbar waren.

Dass die KIEV 88 (auch die CM) höchst anfällige Gerätschaften waren und sind, kannst Du überall im Netz nachlesen ..... wenn Du da Glück hattest, dann sei es Dir gegönnt!😊😊

Die von Dir erwähnte KIEV 90 war nicht mehr als ein Prototyp! Ich glaube es wurden gerade mal knapp 200 Stück davon gebaut .... sie ist praktisch nicht verfügbar, spielt keine Rolle für das P6 Kamerasystem.😊

Allerdings (d'accord) kann ich aus persönlicher Erfahrung nichts zur KIEV 88 berichten! Was ich darüber weiß, habe ich mir angelesen!

Die Pentacon SIX allerdings kann ich aus früherer Erfahrung wirklich einschätzen ..... ein einziges Ärgernis .... tu' ich mir auch dann nie wieder an, wenn andere damit "Glück" hatten!
Ich weiß aber noch, wie das ist, wenn Du einen (immer schon teureren) 120er Rollfilm aus der Dose nimmst und zum Trocknen aufhängen willst, nur um festzustellen, dass alle Aufnahmen darauf überlappend belichtet sind ..... Totalschaden dann! Genau dafür ist sie leider bekannt.

Wie gesagt .... die K60 ist auch keine "gute" Kamera, so wie sie oft bei Arsenal ohne jegliche Qualitätskontrolle die Fabrik verließ.
Man kann die Dinger aber einstellen, kalibrieren und herrichten (lassen) und dann sind die was für die Ewigkeit, weil sie zwar saumäßig gebaut sind, aber im Grunde gut konstruiert.
Die anderen beiden Gehäuse bleiben leider immer unzuverlässig (auch wenn Du damit gerade mal Glück hattest, was ich Dir gerne lasse und Dir gönne) .... aber lies Dich da mal ein ....... da haben schon Leute die Wut bekommen!

Nur deswegen empfehle ich für dieses Kamerasystem die KIEV 60 .... weil die verfügbaren Objektive einfach toll sind.😊

Grüße und viel Spaß mit Film

Klaus