fotom
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Eine vielfach an mich gerichtete Frage ist die nach der passenden Kamera. Dabei dreht es sich allerdings selten um einen zu den Aufnahmesituationen passenden, sondern mehr auf den Geldbeutel zugeschnittenen Apparat.
Meine erste Gegenfrage lautete bisher immer: "Wofür möchtest Du denn die Kamera einsetzen?" Bei den daraufhin folgenden und oft vorwurfsvoll gegebenen Antworten gruselte es mir bisweilen ein wenig, denn selten war es den Interessenten bewusst, welche Anforderungen sie tatsächlich an das Wunschgerät stellten. Darunter waren Dinge wie: "Meine Kinder zu Hause beim Toben fotografieren", gefolgt von "Meinen Sohn beim Fussballspielen", "Rodeln" und "beim Spielen im Garten" ablichten. Nicht zu vergessen die obligatorischen Landschaftsaufnahmen, Urlaubsaufnahmen vom Skifahren, am Strand von was- weiss- ich- wo und die schönsten Momente bei Hochzeiten und Feierlichkeiten im Rahmen der Familie oder im Bekannten- und Kollegenkreis. Das Ganze, bitte schön, für unter hundert Euro, schliesslich kann ja jedes Handy mittlerweile mit gigantischen 5MP und mehr schon Bilder in bester Qualität aufnehmen und das hat der potentielle Interessent ja schliesslich auch immer dabei.
Warum suchen sich solche Leute eigentlich immer Opfer wie mich für solche grundlegenden Folterfragen? Geht man nämlich auf die einzelnen Situationen, die da aufgenommen werden sollen, etwas detaillierter ein und versucht auf rationaler Ebene eine Lösung zu finden, scheitert man regelmässig am aufgerufenen Preis des eventuell in Frage kommenden Modells.
Ach ja, das hätte ich fast vergessen: So einen riesigen Brocken für, Zitat: "500 Euro wie ich ihn habe" will natürlich niemand: Viel zu groß, zu klobig, zu teuer. Die Wunschkamera muss bis 3000 Meter wasserfest und dicht sein, in die dunkelsten Löcher dieser Erde so tief wie nur möglich fallen können, ohne dabei auch nur den kleinsten Kratzer danach aufzuweisen, am allerbesten bei Herren in die Brusttasche und bei Frauen in den mikroskopisch kleinsten begehbaren Wandschrank namens "Handtasche" passen, den Folterungen kleiner Monster, sabbernder Tiere und auch einmal den Sturz in den Topf mit kochendem Wasser aushalten können. Nicht zu vergessen, dass diese Dinger auch noch bei finsterer Nacht gestochen scharf und hell aufnehmen und dabei von "ganz nah" bis "super weit weg" alles auf das Bild draufbekommen sollen. Die Bedienung muss intuitiv und logisch sein, sich dabei aber nur auf einen einzigen Knopf reduzieren, eine integrierte Nachbearbeitung aufweisen und tolle Motive am Besten automatisch finden, sich darauf ausrichten und dann das Bild ohne weiteres Zutun erstellen. Wenn nötig soll sie auch mal "Passbilder aufnehmen" können, den Gang zum Fotografen im Studio ersetzen, die tollsten Familienaufnahmen mit gleichmässigem Hintergrundmotiv machen können und selbstverständlich zur Not die Bilder in 600 dpi auf die Hauswand projizieren können. (Die 600 dpi habe ich mal angemerkt).
Für uns Amateure mal in technische Daten übersetzt:
- Sensor mit ca. 500 MP Auflösung
- ISO 10 bis 2.000.000
- 1 bis 2500 mm Brennweite auf KB bezogen
- Blende 0,1 bis 64 (die Landschaft soll ja schliesslich "besser als in echt" rüber kommen
- integrierter und ausklappbarer Blitz mit 1000 Ws Leistung und automatisch ausfahrenden Lichtformern
- Gesamtgewicht kleiner 50 gr
- lange Akkulaufzeit (mehrere Monate)
- Abmessungen kleiner als eine Streichholzschachtel, bei Frauen idealerweise noch kleiner als ein künstlicher Fingernagel
- Integrierte Bildbearbeitung mit automatischer Übermittlung der Daten an den noch zu Hause bei dem Vollhorst aufzustellenden Drucker
- ein intuitiv und logisch zu bedienendes Menü, um im Bedarfsfall wirklich alle Parameter der Kamera ändern zu können (und ich meine damit: ALLE!!!)
- eine wirklich intelligent arbeitende Vollautomatik, die gerade genanntes Menü überflüssig macht
- Full Metal alloyed Body mit exquisiter Haptik und Optik, um auch mal dem anderen Geschlecht zu beeindrucken (seht her, ich bin der wahre Profi. Der Typ mit dem riesigen veralteten Gerät könnte jetzt mal langsam nach Hause gehen, der stört).
- wasserdicht bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter
- Preis zwischen 49,99 Euro bis maximal 59,99 Euro
- 10 Jahre Garantie
- permanenter Zugriff auf einen Fotografen, der mit seinem eigenen Geraffel tatsächlich die Bilder macht
Hab ich irgendwas vergessen? Nein, ich glaube das war´s im Wesentlichen.
Mein daraufhin beginnendes Kopfkratzen und eintretendes konsterniertes Schweigen wird fälschlicherweise immer als Problem bezogenes Nachdenken interpretiert. Tatsächlich denke ich aber nur darüber nach, wo ich ganz schnell und ganz nah eines dieser tiefen Löcher finden könnte, in dem ich mich vor diesem grenzdebil lächelnden Vollhorst verstecken könnte. Oder noch besser: Wo ich ihn verstecken könnte bis zum Ausbruch der nächsten Eiszeit oder mindestens bis zur Erfindung der von ihm gewünschten Kamera. Eine passende Lösung habe ich für ihn nämlich nicht.
Aber verstecken gilt nicht und im Laufe der Zeit lernt man schliesslich im Umgang mit solchen Situationen hinzu und blickt recht schnell hinter die Fassade des Fragenden. Die Lösung liegt nicht selten im psychologischen Ansatz der Werbung versteckt, die aus dem Fotografieren im Laufe der letzten Jahre eine wahre Lappalie gemacht hat. Eine solch triviale Angelegenheit muss auch mit einem trivialen Apparat zu bewerkstelligen sein. Schliesslich kann ja auch jeder Depp einen Computer bedienen und tolle Sachen damit machen. Verlaufsdiagramme erstellen, zum Beispiel, oder den Hintergrund des Desktop ändern. Knallharte Experten schreiben damit sogar Briefe oder erstellen Tabellen, wie man hört... aber das ist ein anderes Thema.
Nein, Fotografie kann mittlerweile doch mit jedem Gerät erledigt werden. Ich habe mich deshalb bekehren lassen und empfehle nur noch die aktuellen Angebote aus dem Discounter. Die reichen für die mich Fragenden total aus und erhalten dieses liebreizende Lächeln auf deren Lippen, wenn sie mich nach dem Kauf wieder sehen. Beim Anblick meiner Kamera können sie sich aber einen mitleidvollen Kommentar nicht verkneifen und ich gelobe jedem von ihnen Besserung und verspreche, bei nächster Gelegenheit das ganze Zeug einem völlig Verwirrten anzudrehen und mir auch ein solches Universalgerät zuzulegen, wie ich es ihnen empfohlen habe.
Meine erste Gegenfrage lautete bisher immer: "Wofür möchtest Du denn die Kamera einsetzen?" Bei den daraufhin folgenden und oft vorwurfsvoll gegebenen Antworten gruselte es mir bisweilen ein wenig, denn selten war es den Interessenten bewusst, welche Anforderungen sie tatsächlich an das Wunschgerät stellten. Darunter waren Dinge wie: "Meine Kinder zu Hause beim Toben fotografieren", gefolgt von "Meinen Sohn beim Fussballspielen", "Rodeln" und "beim Spielen im Garten" ablichten. Nicht zu vergessen die obligatorischen Landschaftsaufnahmen, Urlaubsaufnahmen vom Skifahren, am Strand von was- weiss- ich- wo und die schönsten Momente bei Hochzeiten und Feierlichkeiten im Rahmen der Familie oder im Bekannten- und Kollegenkreis. Das Ganze, bitte schön, für unter hundert Euro, schliesslich kann ja jedes Handy mittlerweile mit gigantischen 5MP und mehr schon Bilder in bester Qualität aufnehmen und das hat der potentielle Interessent ja schliesslich auch immer dabei.
Warum suchen sich solche Leute eigentlich immer Opfer wie mich für solche grundlegenden Folterfragen? Geht man nämlich auf die einzelnen Situationen, die da aufgenommen werden sollen, etwas detaillierter ein und versucht auf rationaler Ebene eine Lösung zu finden, scheitert man regelmässig am aufgerufenen Preis des eventuell in Frage kommenden Modells.
Ach ja, das hätte ich fast vergessen: So einen riesigen Brocken für, Zitat: "500 Euro wie ich ihn habe" will natürlich niemand: Viel zu groß, zu klobig, zu teuer. Die Wunschkamera muss bis 3000 Meter wasserfest und dicht sein, in die dunkelsten Löcher dieser Erde so tief wie nur möglich fallen können, ohne dabei auch nur den kleinsten Kratzer danach aufzuweisen, am allerbesten bei Herren in die Brusttasche und bei Frauen in den mikroskopisch kleinsten begehbaren Wandschrank namens "Handtasche" passen, den Folterungen kleiner Monster, sabbernder Tiere und auch einmal den Sturz in den Topf mit kochendem Wasser aushalten können. Nicht zu vergessen, dass diese Dinger auch noch bei finsterer Nacht gestochen scharf und hell aufnehmen und dabei von "ganz nah" bis "super weit weg" alles auf das Bild draufbekommen sollen. Die Bedienung muss intuitiv und logisch sein, sich dabei aber nur auf einen einzigen Knopf reduzieren, eine integrierte Nachbearbeitung aufweisen und tolle Motive am Besten automatisch finden, sich darauf ausrichten und dann das Bild ohne weiteres Zutun erstellen. Wenn nötig soll sie auch mal "Passbilder aufnehmen" können, den Gang zum Fotografen im Studio ersetzen, die tollsten Familienaufnahmen mit gleichmässigem Hintergrundmotiv machen können und selbstverständlich zur Not die Bilder in 600 dpi auf die Hauswand projizieren können. (Die 600 dpi habe ich mal angemerkt).
Für uns Amateure mal in technische Daten übersetzt:
- Sensor mit ca. 500 MP Auflösung
- ISO 10 bis 2.000.000
- 1 bis 2500 mm Brennweite auf KB bezogen
- Blende 0,1 bis 64 (die Landschaft soll ja schliesslich "besser als in echt" rüber kommen
- integrierter und ausklappbarer Blitz mit 1000 Ws Leistung und automatisch ausfahrenden Lichtformern
- Gesamtgewicht kleiner 50 gr
- lange Akkulaufzeit (mehrere Monate)
- Abmessungen kleiner als eine Streichholzschachtel, bei Frauen idealerweise noch kleiner als ein künstlicher Fingernagel
- Integrierte Bildbearbeitung mit automatischer Übermittlung der Daten an den noch zu Hause bei dem Vollhorst aufzustellenden Drucker
- ein intuitiv und logisch zu bedienendes Menü, um im Bedarfsfall wirklich alle Parameter der Kamera ändern zu können (und ich meine damit: ALLE!!!)
- eine wirklich intelligent arbeitende Vollautomatik, die gerade genanntes Menü überflüssig macht
- Full Metal alloyed Body mit exquisiter Haptik und Optik, um auch mal dem anderen Geschlecht zu beeindrucken (seht her, ich bin der wahre Profi. Der Typ mit dem riesigen veralteten Gerät könnte jetzt mal langsam nach Hause gehen, der stört).
- wasserdicht bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter
- Preis zwischen 49,99 Euro bis maximal 59,99 Euro
- 10 Jahre Garantie
- permanenter Zugriff auf einen Fotografen, der mit seinem eigenen Geraffel tatsächlich die Bilder macht
Hab ich irgendwas vergessen? Nein, ich glaube das war´s im Wesentlichen.
Mein daraufhin beginnendes Kopfkratzen und eintretendes konsterniertes Schweigen wird fälschlicherweise immer als Problem bezogenes Nachdenken interpretiert. Tatsächlich denke ich aber nur darüber nach, wo ich ganz schnell und ganz nah eines dieser tiefen Löcher finden könnte, in dem ich mich vor diesem grenzdebil lächelnden Vollhorst verstecken könnte. Oder noch besser: Wo ich ihn verstecken könnte bis zum Ausbruch der nächsten Eiszeit oder mindestens bis zur Erfindung der von ihm gewünschten Kamera. Eine passende Lösung habe ich für ihn nämlich nicht.
Aber verstecken gilt nicht und im Laufe der Zeit lernt man schliesslich im Umgang mit solchen Situationen hinzu und blickt recht schnell hinter die Fassade des Fragenden. Die Lösung liegt nicht selten im psychologischen Ansatz der Werbung versteckt, die aus dem Fotografieren im Laufe der letzten Jahre eine wahre Lappalie gemacht hat. Eine solch triviale Angelegenheit muss auch mit einem trivialen Apparat zu bewerkstelligen sein. Schliesslich kann ja auch jeder Depp einen Computer bedienen und tolle Sachen damit machen. Verlaufsdiagramme erstellen, zum Beispiel, oder den Hintergrund des Desktop ändern. Knallharte Experten schreiben damit sogar Briefe oder erstellen Tabellen, wie man hört... aber das ist ein anderes Thema.
Nein, Fotografie kann mittlerweile doch mit jedem Gerät erledigt werden. Ich habe mich deshalb bekehren lassen und empfehle nur noch die aktuellen Angebote aus dem Discounter. Die reichen für die mich Fragenden total aus und erhalten dieses liebreizende Lächeln auf deren Lippen, wenn sie mich nach dem Kauf wieder sehen. Beim Anblick meiner Kamera können sie sich aber einen mitleidvollen Kommentar nicht verkneifen und ich gelobe jedem von ihnen Besserung und verspreche, bei nächster Gelegenheit das ganze Zeug einem völlig Verwirrten anzudrehen und mir auch ein solches Universalgerät zuzulegen, wie ich es ihnen empfohlen habe.