KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait

Diskutiere KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait im Analoge Fotografie Forum Forum im Bereich FOTOGRAFIE FORUM; Hallo zusammen, wie klein kann eigentlich eine Großformat-Kamera des Aufnahmeformates 9x12cm sein? Und ja ... die Antwort darauf ist jetzt genau...
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #1
Klaus-R
Klaus-R
Moderator
Beiträge
23.345
Hallo zusammen,
wie klein kann eigentlich eine Großformat-Kamera des Aufnahmeformates 9x12cm sein?
Und ja ... die Antwort darauf ist jetzt genau 100 Jahre alt .... in Dresden erscheint in 1925 ein
ETUI ... ein ganz besonderes ... eine Kamera für wahrlich riesige Negative (eigentlich Glasplatten).
Diese Großformatkamera ist eine Faltkamera der Bausweise "Laufbodenkamera“, wie sie
KLEINER nicht sein kann.
Sie ist nur WENIG größer als ein übliches Smartphone und sie passt WIRKLICH in eine Hosentasche,
die die Bezeichnung "Tasche" auch verdient!

BILD-3.jpg

BILD-1.jpg

Klappen wir sie mal auf!

BILD-4.jpg

BILD-5.jpg

BILD-6.jpg

BILD-7.jpg

Vorgeplänkel:

Wie schon so oft begegnet mir diese Vorkriegskamera auf einem Trödelmarkt .... auf einer Radtour an der Mosel ....
völlig zufällig ... reines Schicksal.

Die "Patent Etui" erstaunt mich tatsächlich .... ich hatte so was noch nie in Händen ... irgendwann mal was darüber gelesen,
dass es diese ULTRAKOMPAKTE "Reisekamera" der 1920er Jahre mal gab .... ich hatte sie mir aber irgendwie "weniger klein"
vorgestellt! KLEIN passt ja irgendwie nicht in die Kamerageschichte vor 100 Jahren!
Zumindest wusste ich UNGEFÄHR, womit ich es da gerade zu tun hatte.
Die Kamera ist vergammelt, verschmutzt und der Verschluss "HUSTET" noch nichtmal mehr ... aber .... das ist ein
DECKEL-COMPUR Zentralverschluss und das ist ein Zeiss Tessar 135er .... tolle Sachen, mit denen ich mich bestens
auskenne und die IMMERdann hinzukriegen sind, wenn noch kein "Grobschmied" dran war .... da bin ich mir
AD HOC sicher!
Noch wichtiger .... die Kamera ist fast komplett und es sind auch noch fünf Glasplattenmagazine dabei, der originale
Lichtschachtsucher (allerdings keine Mattscheibe mehr vorhanden) und auch noch ein ROLLEX aus der Zeit .... und NEIN,
wir reden hier NICHT von einer Armbanduhr mit einem "L" zu viel, sondern von einem Rollfilm-Rückteil für den 120er Rollfilm
aus der Zeit. EIN "ROLLEX" aus 1925
Man einigt sich mit dem alten Mann, -der hier gerade schreibt- auf ganze 30,-€, ich bin glücklich, packe den verschmutzten,
vergammelten Kram ein und bin in guter "Hoffnung", dass ich damit wieder photographieren können werde ..... und so
fängt es (wie ja schon oft) wieder mal an ....

Photographieren mit einer 100 Jahre alten Kamera .... egal, wie bescheuert .... ich liebe so einen UNSINN .... eine
Herausforderung, die keinen Sinn machen muss, die aber Spaß machen soll. Das Gefühl, 100 Jahre nach Herstellung
den Auslöser zu drücken und einen Moment in 2025 einzufangen .... mit einer Kamera aus 1925 .... das ist für mich ein
ganz einfach GENIALER Augenblick und wenn dann das Bild auch noch HEUTIGEN Ansprüchen genügt, dann ist das um so
faszinierender ... aber DER REIHE NACH!

BILD-22.jpg

Aufnahme KW-ETUI (1925)

-FOMAPAN 100 Planfilm 9x12
-Entwicklung: KODAK Developer 76 "D76" (1+1) 10 min. bei 22 Grad


Ich kürze es erheblich ab .... ich will nicht schon wieder zeigen, wie man den alten Zentralverschluss wieder
"flott" bekommt oder wie man das alte Objektiv zerlegt und reinigt .... geeignete Werkzeuge und Grundkenntnisse
vorausgesetzt, ist das kein wirkliches Hexenwerk ... die alten Sachen lassen sich DANKBAR einfach zerlegen
und auch wieder fügen.
"Interessanter" ist aber diesmal die fehlende Mattscheibe, die irgendwann zwischen 1925 und 2025 zu Bruch
gegangen sein wird .... was nun?!


Spätere (sog. "INTERNATIONALE" Teile), wie Planfilmkassetten und auch Mattscheiben wurden sinnvollerweise
Mitte der 1940er Jahre standardisiert, um ENDLICH Austauschbarkeit von wichtigen Gebrauchsteilen und
Ersatzteilen realisieren zu können. Diese Scheibe der 1920er aber ist noch "individuelles Einzelmaß" ....
wie sich beim Ausmessen zu Hause herausstellt ... eine Standard-9x12 Scheibe (schwierig zu kriegen
und TEUER!) würde ohnehin nicht passen ... Ersatz muss nachgefertigt werden.

Im Prinzip kann ich Mattscheiben auch aus "Weißglas" selber zuschneiden und mattieren ... ich habe das
Werkzeug dafür da ... aber ... ich will diesmal einen neuen Weg gehen ... einen moderneren Weg und einen
viel einfacheren Weg, auch wenn das nicht 1920er Jahre stilecht sein wird ... ich beschließe, die Scheibe aus
modernem Acrylglas (Plexiglas) zu machen, dessen Bearbeitung einfacher erscheint und zudem im Gebrauch
verspricht, dass die neue Scheibe dann erheblich weniger bruchanfällig sein wird ... ein Dauerproblem aller
Großformat-Schachtsucher bis heute.

Acrylglas lässt sich (vorsichtig) spanend bearbeiten ... also sägen, schleifen, bohren, fräsen usw. Das macht die
Bearbeitung erheblich einfacher, als Weißglasplatten zu bearbeiten.
Auch das "Mattieren" der Bildgebenden Seite (also der Optik zugewandten Seite) ist erheblich einfacher und
zeitsparender. Hier hat sich Nassschleifen mit ganz normalem 120er Schmirgelpapier als gut erwiesen
(kreisende Bewegungen unter ganz wenig Andruck in Seifenwasser).
Die So entstandene Mattscheibe aus 2mm Acrylglas zeige ich hier ... schon in den Lichtschacht der Kamera eingebaut.

BILD-16.jpg

Was man auch erkennen kann, ist mein 6x9cm Anriss für das 6x9 Rollfilm Back. Allerdings habe ich diesen Anriss
nicht DIREKT auf der neuen Mattscheibe gemacht, sondern auf der Fresnel-Linsenfolie, die ich (neuerdings) vor
solche alten Mattscheiben setze.

Ich bleibe auch hier KURZ .... dazu gibt es reichlich CONTENT im Netz ... aber ... es hat sich sehr bewährt, vor diese
uralte Mattscheibentechnik (die sehr dunkele Sucherbilder erzeugt), moderne FRESNEL-Linsenfolien zu setzen
(auf der Sucherseite, nicht auf der Objektivseite angebracht!) Diese moderne Technik ist zwar historisch nicht korrekt
–wie ja auch Acrylglas schon nicht), erzeugt aber ca. 2,5 mal hellere und besser tageslicht-geeignete Sucherbilder,
was eine viel bessere Sucher-Nutzbarkeit -bei hellem Tageslicht- und ohne das klassische "Einstell-Suchertuch"
ermöglicht. Hier muss sich also moderne Technik über historische Genauigkeit hinwegsetzen .... schließlich will ich
die Kamera ja benutzen und nicht für die Glasvitrine herrichten .... eine grundsätzlich andere Zielvorgabe!
Im Ergebnis habe ich dann eine startklare und für erhältlichen 9x12 Planfilm taugliche historische "REISEKAMERA",
die ich mal ganz salopp als "pfiffig" und "hübsch" bezeichnen würde .... mein einziger "Großformater", der
tatsächlich in die Hosentasche passen will.

So gaaaanz ehrlich ist das dann aber auch wieder nicht ....denn man muss ja auch noch die Planfilmkassetten
(bzw. das Rollfilm-Rückteil) mit sich führen.

FAZIT:

Die KW-DRESDEN A-1 "Patent ETUI" (so heißt sie vollständig) ist in dieser Ausstattung eine fast vollwertige,
hochwertige 9x12 Großformatkamera, die eigentlich nur noch die typischen Großformat-Verstellmöglichkeiten
vermissen lässt!
Immerhin, Vertikal SHIFT kann selbst dieser Winzling, um stürzende Linien bei Hochformat-Architektur-Aufnahmen
gleich bei der Aufnahme ausgleichen zu können ... hier das Einstellrändel dafür:

BILD-14.jpg

Auf weitere Standarten Verstellungen muss der Winzling natürlich (ob der ETUI-Bauweise) verzichten.
Ich bin STOLZ, schreiben und zeigen zu können, dass auch diese historische 100-Jährige wieder GEHT
... jederzeit wieder Bilder liefern kann ... von faszinierender Bildqualität.

Speziell dieses Einzelstück gibt mir Rätsel auf!!!

Sie kann eigentlich zuvor NIE scharfe Aufnahmen geliefert haben (zumindest mit beiden Anbausuchern nicht),
denn sie war offensichtlich völlig falsch justiert. Ich kenne von all meinen anderen Dresdener Plattenkameras
solche Ungenauigkeiten GAR NICHT!

Bisher habe ich mich auf die Marken ZEIS, ICA-Dresden und Ernemann beschränkt, weil ich dafür genügend
viele Planfilm-Kassetten habe.


Die KW A1 "ETUI" war aber eine sehr teure "Szenekamera" für gut betuchte Käufer der Zeit ... da sollte man
TOP-Qualität fordern dürfen ... und von Produktionsfehlern ist in keiner einzigen mir bekannten Quelle die Rede.
Man muss aber wissen, dass sich Qualitätskontrolle und Messtechnik in 1925 NADA automatisieren hat lassen!
Bis in die 1970er Jahre hat bei "WERTIGEN" Kameras ein Mitarbeiter der Endkontrolle ein handschriftlich
unterschriebenes Zertifikat jeder geprüften Kamera beigelegt und so VERSICHERT, dass ALLES i.O. und geprüft war.
Dresdener Kameras hatten WELTRUHM und waren für außerordentliche Perfektion bekannt!
Um so erstaunlicher, dass dieses Exemplar offensichtlich total dejustiert in Umlauf gebracht worden sein
muss..... FRAGEZEICHEN????

BILD-9.jpg

Diese Skale und den daran angefrästen Unendlich-Anschlag habe ich um mehr als 2mm versetzen müssen ....
dazu mussten Langlöcher gefräst werden .... jetzt stimmt alles ... und die Aufnahmen bestätigen, dass ich
den Fokus "getroffen" habe.

Ich hoffe, es war zumindest interessant?! Ich wünsch mir natürlich einen "Ansteckungseffekt" .... denn ich hoffe sehr,
dass die Erhaltung und Nutzung historischer Kameras noch viel mehr Liebhaber aus der Versenkung lockt!

Grüße und RETTET FILM😊


Klaus

BILD-19.jpg

BILD-20.jpg

BILD-21.jpg

BILD-22.jpg

BILD-23.jpg

BILD-24.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #2
Meine vollste Bewunderung hast für Deinen unermüdlichen Fleiß und Tatendrang für die analoge Technik und natürlich für den Film sicher.👍👍👍
Dein Bericht war wieder eine spannende Geschichte und auch geschichtliche Wanderung ins vergangene Jahrhundert.
Danke für Deine Mühe und diesen unterhaltsamen Beitrag.
.
 
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #3
Vielen Dank für deine Reaktion! 😊

Ich habe versucht, es KURZ zu halten, damit es gelesen wird. Natürlich weiß ich viel mehr über die Kamera, ihre Geschichte
und ihre Instandsetzung.
Für Detailfragen stehe ich hier immer und gerne zur Verfügung.

Grüße und rettet Film!😊

Klaus
 
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #4
Ein toller Bericht, mich wundert immer wieder, dass diese alten Kameras so funktionieren können und Hut ab, wie Du diese wieder in Ordnung bringst.
Bin immer wieder am Überlegen, ob ich nicht doch mal versuchen sollte meine alten Klappkameras (die ja keiner mehr will) irgendwie mal in die Gänge bekomme. Mehr als noch mehr kaputt gehen, kann ja wohl nicht passieren. 🫥
Die Fotos sehen alle toll aus, bekomme Lust nächstes Wochenende mal wieder meine Analogen spazieren zu führen. Die Filme darin müssen voll werden.
LG
Angela
 
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #5
(...) ob ich nicht doch mal versuchen sollte meine alten Klappkameras (die ja keiner mehr will) irgendwie mal in die Gänge bekomme. (...)
LG
Angela

Das ist eine sehr "erfüllbare" Idee!😊
Ich habe hier ja schon viele "Taschengeld" Faltkameras aller Mittelformate vorgestellt. Die liefern zum größten Teil wirklich
1A schöne Aufnahmen ab .... sollte man nicht denken, ist aber wirklich so. Und wenn's erstmal eine ADOX-Golf 63 für 15-20,-€
wird .... das ist eine gute Kamera.

Grüße und viel Spaß😊

Klaus
 
  • KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait Beitrag #6
Diese KW PATENT "ETUI" habe ich auch noch irgendwo auf dem Dachboden. Sie wird als die kleinste Laufbodenkamera der Welt bezeichnet und stammt von den Kamera-Werkstätten Niedersedlitz bei Dresden 1925, dieselbe Firma, die später die Praktica herausbrachte. So viel wie ich weiß, sind die Kameras von KW nach wie vor begehrt und werden hoch gehandelt bei Sammlern.
 
Thema:

KW A1 (Kamerawerke Dresden PATENT "ETUI" 1925) Kameraportrait

Ähnliche Themen
Klaus-R
Antworten
8
Aufrufe
938
Klaus-R
Klaus-R
Klaus-R
Antworten
12
Aufrufe
3.876
Klaus-R
Klaus-R
Klaus-R
Antworten
49
Aufrufe
1.659
Klaus-R
Klaus-R
Klaus-R
Antworten
3
Aufrufe
1.408
Gast11445
Klaus-R
Antworten
28
Aufrufe
2.774
Klaus-R
Klaus-R
Zurück
Oben Unten