Vielleicht ist es auch ein bisschen so wie in der Grundschule, da wurde unsere Rechtschreibung und Schrift bewertet und kritisiert, obwohl das nun für die Aufsätze, die da geschrieben wurden, inhaltlich nicht wirklich von Belang war. (Ok, zumindest zu meiner Zeit wurde das korrigiert, soll ja heutzutage nicht mehr so sein.)
Aber so haben wir gelernt, die offensichtlichen Fehler, die den Lesefluss beeinträchtigen, nicht mehr zu machen, und können uns auch hier darüber unterhalten.
Umso höher wir natürlich im Niveau wurden in der Schule, umso subjektiver wurde es. Da ging es ja dann nicht mehr um schlichte Rechtschreibfehler, sondern darum, ob eine Meinung mit schlüssiger Logik vertreten wurde. Und da bleibt dem Lehrer doch einiges an Interpretationsfreiheit.
Für die Fotographie gibt es keine allgemeine Schule, die wir alle besuchen, wir lernen autodidaktisch. Und da ist es hilfreich, sich gegenseitig auf die Sprünge helfen zu können.
Denn offensichtliche Fehler lenken oftmals von der Bildaussage ab, ebenso, wie eine Bewerbung mit schlechterer Rechtschreibung oft weniger ernst genommen wird (ob das fair ist, ist wiederum eine andere Sache, weil es trotzdem ein super Arbeiter sein kann).
Da geht es dann aber nicht um absolute Perfektion, sondern darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wann was sinnvoll ist und die Aussage unterstreicht. Oder wann ein Fehler wenigstens nicht stört und sogar Athmosphäre hineinbringt.
Das muss dann einfach durch viel Übung so selbstverständlich werden, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, sondern einfach macht und den Kopf frei hat, um wirklich aktiv gestalten zu können. Dieser Lernprozess wird erleichtert, wenn man regelmäßig durch Feedback daran erinnert wird.
Und genau wie in dem Schulbeispiel ist es halt auch so, irgendwann gibt es kein Richtig und Falsch mehr, sondern mehr und mehr subjektive Interpretationen.
Da muss man dann als kritisierte Person auch schauen, was bringt einen da noch weiter, und was ich nicht relevant, weil es in eine völlig andere Richtung geht.
Es gibt nämlich kein absolut perfektes Bild, sondern nur ein hinreichend perfektes Bild, das eben keine störenden Fehler hat, aber ein solches kann immer noch eine Spannbreite zwischen "technisch korrekt, aber laaaangweilig" und "Wahnsinn, das erschafft ganze neue Welten, das Bild ist lebendig" haben.
Aber mit den Grundlagen ist es eben einfacher, auf so ein wirklich gutes Bild hinzuarbeiten.
Es wäre doch schade, wenn man bei einem Bild denken muss: Hach, schönes Motiv, aber warum wurde das denn jetzt nicht besser aufgenommen?
Und ja, vielleicht ist das auch eine überkritische Einstellung, aber (Achtung, jetzt wirds philosophisch) es macht doch auch Menschen aus, dass wir abstrakt denken können und uns Meinungen bilden, die von den Meinungen anderer abweichen. Und es ist tatsächlich ein Luxus, den wir auskosten können und dürfen, über Dinge zu diskutieren, die nicht überlebenswichtig sind, sondern auf elementarer Ebene ziemlich gleichgültig.
Und ja, wie du, Carpe, schon sagst, manchmal will man auch ein Bild still genießen und es nicht bis ins kleinste Detail sezieren.
Aber irgendwie sind die kleinen Forenbilder ja nur so eine Art Entwurf, und was dann noch übrigbleibt nach der Kritik (und wenn du die lesen würdest, kommt auch gar nicht so selten: "Das ist ein Bild für die Wand!"), das können wir in groß drucken lassen und wirklich genießen (natürlich hängt es nicht vom Forum ab, was man drucken lässt, aber manchmal bekommt man ja eine hübsche Bestätigung für ein ohnehin schon gefasstes Vorhaben). Denn Bilder, die es aufs Papier schaffen, sind meist irgendwie über alle Kritik erhaben, die kritisiert selten noch jemand.
Und die lassen sich eben auch länger genießen, weil sie nicht mit einem Klick wieder weg sind.
Aber so ein Forum ist eben auch ein Schutzraum für uns, wenn wir sonst nirgends ernsthafte Hinweise zum Weiterkommen erhalten, wo wir uns mal mit Feedback ausprobieren können und herantasten, in welche noch nicht erforschten Fotobereiche man sich so vorwagen könnte. Und auch wenn die Kritik manchmal hart klingt, es meint ja niemand böse.
Und ja, zumindest ich möchte weiterkommen, ein lebendiges Hobby mit einer Entwicklung haben, deren Ende noch offen ist und einen gewissen Spielraum hat, und nicht im Stillstand verharren.