Weg von der Vollautomatik, ja, nein, überhaupt, WANN, WIE? Kleine Checkliste und Tipps zum Umstieg.

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Vorbemerkung:

Eigentlich wollte ich diesen Text gar nicht schreiben, jedenfalls nicht so ausführlich. Nur kurz ein paar Worte, nachdem in einem der Bildbesprechungsthreads kurz das Thema Vollautomatik aufkam und ich meine eigene Meinung dazu habe, dort aber nicht weiter mit OT zuspamen wollte.
Jetzt ist es plötzlich eine ausführliche Anleitung/Abwägung aller Punkte geworden.

Jaa, ich wollte ja ein bisschen ins Tutorial schreiben einsteigen, aber eigentlich hatte ich schon längst andere Themen im Kopf.

Kurz eine Frage: Wäre es sinnvoller, den Text in ein PDF-Dokument zu packen und genau wie das BBT samt kleinem Bruder zum Download anzubieten?
Oder Thomas, möchtest du mich vielleicht als Gastautorin im BBT aufnehmen und den Text dazupacken?

Dieser Text ist natürlich hochgradig subjektiv.
Falls hier den anderen erfahrenen Fotographen noch Punkte zum Thema einfallen, dürft ihr mich gerne ergänzen/korrigieren.
Es geht ja darum, dass vielleicht neue Mitglieder ein paar Punkte zur Hand haben, die ihnen weiterhelfen.

Die Vollautomatik ist umstritten, alle Kameras haben sie, manche nutzen sie gerne, wenn es schnell gehen muss, manche nutzen sie immer und ausschließlich, um ihre kreative Energie frei zu haben, um die Bilder zu gestalten, ohne sich um Technik kümmern zu müssen, manche sehen sie als absolutes NoGO und allergrößtes Hindernis dabei, ernsthaft fotografieren zu lernen.

Was ist denn die Vollautomatik eigentlich?

Es ist ein Programm, das einem absolut alle Technikentscheidungen abnimmt, es stellt das Dreieck Iso/Zeit/Blende ein, entscheidet, auf welchen Punkt scharfgestellt wird, entscheidet, ob der Blitz zugeschaltet wird, und kümmert sich um die Umwandlung der Bilder ins Jpeg-Format.
In der Vollautomatik ist es eigentlich kaum möglich, wirklich richtig schlechte Bilder zu machen, da die Einstellungen so gewählt werden, dass sie auf fast alle Situationen ganz gut passen. Extremeinstellungen, bei denen man viel falsch machen kann, sind von vornherein ausgeschlossen, wie zum Beispiel sehr verwacklungsanfällige Belichtungszeiten, extrem weit öffnende Blenden, bei denen der Schärfepunkt viel zu schwer zu treffen ist, sehr geschlossene Blenden, bei denen Beugung auftritt uvm.
Tja, klingt doch eigentlich perfekt, oder?
Naja, das Problem ist nur, es gibt keine eierlegende Wollmilchsau, es gibt keine Einstellungen, die auf wirklich alles perfekt passen. Sie passen eben nur ganz gut. Aber irgendwann werden einem vielleicht Punkte auffallen, die stören. Wieso macht die Kamera das immer so komisch? Ich wollte das doch ganz anders haben.

Ich werde die Punkte beschreiben, die mich an einer Vollautomatik stören würden, und dann nach und nach die Halbautomatiken durchgehen, was mich an diesen in welchen Situationen stören würde.
Ich denke, manchen Lesern kann das vielleicht auch als Entscheidungshilfe dienen, dass sie ähnliche Dinge stören und zu welchem anderen Programm sie dann als nächsten Verbesserungsschritt greifen können.

Zunächst einmal, wann machen die Vollautomatiken grundsätzlich Sinn?


ThomasRS hier im Forum, der Autor des BBT, empfiehlt zum Beispiel, die Kamera grundsätzlich nur in dieser Einstellung in die Fototasche zu packen, damit man sie dann auspacken und sofort losknipsen kann, wenn man einmal etwas wirklich Tolles sieht.
Meiner Meinung nach kommt das wieder auf die persönlichen Vorlieben an. Ich verwende die Vollautomatik aus diversen Gründen eher ungern, deshalb wird meine Kamera auch nicht in dieser Einstellung in die Kameratasche gepackt. Was ich aber unbedingt und immer mache, ist, alle Spezialeinstellungen wieder zurückstellen auf normale Werte, die normales Fotographieren aus der Hand ermöglichen (Selbstauslöser aus, Spiegelvorauslösung aus, extrem hohe Isozahlen zurücksetzen, Verstellung der Autofokuspunkte von irgendwelchen Randsensoren auf den mittleren Punkt, Belichtungskorrektur auf Null, Blendenreihenautomatik aus, Spotbelichtung wieder auf mittenbetont oder Matrix, Weißabgleich wieder auf automatisch). Zum Beispiel Blendenvorwahl (meist meine favorisierte Einstellung), Blende 5.6-8 (bietet anständige Schärfe und nicht zuwenig Licht), Iso 200-400 (ermöglicht auch bei dunklerem Wetter schnappschusstaugliche Belichtungszeiten. Wenn ich dann etwas sehe und losknipse, kann ich mit der Kamera am Auge an der Blende herumschrauben und die Iso zurechtbasteln, und also zu optimaleren Einstellungen kommen, während ich zumindest schon einmal überhaupt irgendwelche Fotos habe.

Das ist wiederum Erfahrungs- und Geschmackssache. Was ich da grundlegend einstelle, weicht nicht sehr von der Vollautomatik ab. Diese würde vielleicht noch etwas flexibler auf dunkleres oder helleres Licht reagieren, und sonst gilt das gleiche Argument, hauptsache überhaupt erstmal etwas auf den Sensor bannen.
Für mich sehe ich den Vorteil darin, ich kann dann übergangslos zu persönlichen Einstellungen wechseln, wenn ich schon im Blendenvorwahlmodus bin.
Wer seine Kamera ungern mitten in der Hektik "oh da ist was Tolles" verstellt, wird mit der Vollautomatik mehr Vorteile haben.

Eine weitere Situation, wann ich Vollautomatik verwenden würde, wäre bei mir kameraabhängig.
Wenn ich mit einer Kompakten unterwegs wäre, dann würde ich vermutlich die Vollautomatik wählen, weil die ganzen manuellen Einstellungen nur aufwendig über das Menü zu erreichen sind, wenn überhaupt vorhanden. Hier kümmert man sich besser um die Gestaltung und geht davon aus, dass der Hersteller die Stärken und Schwächen seiner Kamera kennt und sie durch optimale Einstellungen besser ausnutzen kann, als wenn man da herumbastelt, ohne die Kamera wirklich gut zu kennen. Das gilt vor allem, wenn man die Kompakte als Zweitkamera hat oder nur mal ausgeliehen.
Wenn man sie wirklich gut kennt, kann man sich natürlich auch an die manuellen Einstellungen herantasten.
Vorsicht ist nur dann geboten bei Kompakten, wenn man viel in Foren mitliest, bei denen nur DSLR-Besitzer schreiben. Dann liest man, dass bei Blende 8 optimale Schärfe erreicht wird, man stellt die bei der Kleinen ein, und ups, da tritt ja schon Beugungsunschärfe auf. Wenn man also nicht genau weiß, wie man die entsprechenden Empfehlungen für den kleinen Sensor umrechnet, nimmt man besser doch die Automatik.


Will ich möglichst schnell Ergebnisse oder kann ich zunächst mit Kompromissen leben, um meine Lernkurve zu verbessern?

Dann ist natürlich die Frage als Fotoanfänger, mache ich erst einmal schöne Bilder mit der Automatik und befasse mich nach und nach so nebenbei mit den ganzen Einstellungen, oder stelle ich stur alles selber ein, vermassele etliche Fotos, bis ich plötzlich den Dreh raus habe und großartige Bilder machen kann?

Da kommt es wieder darauf an.
Ich selber habe mit den Fotos eher für mich angefangen, ohne jetzt unbedingt sofort vorzeigbare Ergebnisse haben zu wollen/müssen. Ich hatte immer für mich mit dem Handy Blümchen geknipst und die gefielen mir ganz gut, aber Menschen, Tiere, Landschaften, Bilder bei Nacht, coole verschwommene Hintergründe etc gingen damit schlichtweg nicht.
Also wollte ich eine DSLR. Und dann habe ich gelesen, gelesen und gelesen, und die Automatiken völlig verweigert. Ich wusste es ja besser.
Freistellen, ah, Blende auf. Alles scharf, aah, Blende zu. Ich habe unzählige Bilder vermasselt, weil ich mit den offenen Blenden das präzise Scharfstellen nicht geschafft habe und dann nicht nur der Hintergrund unscharf war, sondern eigentlich fast alles. Und ebensoviele Bilder vermasselt, weil ich dachte, mit Blende 18 bekomme ich alles scharf, und naja, irgendwie fehlte dann die Tiefenwirkung und alles sah gruselig krisselig aus. Ich habe irre viel gelernt, wie man es nicht machen sollte, und mich dann langsam zu moderaten Einstellungen vorgetastet, bei denen die Bilder ganz gut geworden sind, um dann gezielt und vorsichtig da wo es angebracht war, doch wieder gelegentlich mit den extremeren Einstellungen spielen zu können.

Wenn man eher damit anfängt, dass man etwas dokumentieren möchte, oder Bilder fürs Internet braucht, und wo man sich nicht leisten kann, erst tausende schlechte Bilder zu machen, weil dafür die Zeit fehlt, dann kann man durchaus mit Vollautomatik anfangen. Gerade wenn man die extremeren Effekte wie absolute Freistellung gar nicht braucht, weil sie nicht zu dem angestrebten Bildzweck passen.

Und dann wird man vielleicht früher oder später doch auf Kleinigkeiten stoßen, die man mit der folgenden Liste vergleichen kann.



Wenn die Vollautomatik nervt.


  • Sie schaltet ständig den Blitz ein, auch wenn man gerade keine Tiere oder Kleinkinder blenden möchte, oder die zu blitzende Burg weit weg steht und sowieso nicht vom Blitz erreicht werden würde. Wenn man grundsätzlich mit der Automatik zufrieden ist, kann man vielleicht auf die Automatik mit dem durchgestrichenen Blitz zurückgreifen, oder auf das Sportprogramm. Die blitzen nicht. Oder man nimmt die Programmautomatik. Da kann man mehr verstellen, muss aber nicht. In der Werkseinstellung ist sie wie eine Vollautomatik, nur dass der Blitz selber ausgeklappt werden muss, wenn man ihn nutzen will, und wenn er zu ist, richtet sich die Kamera halt ohne ihn ein.
  • Sie stellt dem süßen Hund ständig die Nase scharf, und die Augen sind unscharf. Dann geht eigentlich kein Weg daran vorbei, zur Programmautomatik zu wechseln und dort den Fokuspunkt selber einstellen.
  • Sie erlaubt nur die standardmäßige Jpeg-Einstellung (das kommt aber auf Modell und Hersteller an). Um dann selber einstellen zu können, was man mag, zum Beispiel will man vielleicht während der stressigen Aufnahmezeit die volle automatische Unterstützung, aber hinterher in Ruhe die RAW-Dateien nachbearbeiten, oder man will einen sehr neutralen Stil einstellen, um auch an den Jpeg-Aufnahmen noch viel bearbeiten zu können, oder man will schon in der Kamera Effekte nutzen, Kontrast und Sättigung hochziehen oder das Bild monochrom machen, und vielleicht selber den Weißabgleich einstellen, um die grundsätzliche Farb-Interpretation/-Stimmung beeinflussen, dann wieder die Empfehlung: Wechsel zur Programmautomatik.
  • Sie lässt keine Belichtungskorrektur zu, es kommen aber immer wieder Situationen, wo man das Bild viel heller oder dunkler haben möchte als den mittleren Wert. Zum Beispiel können ja Nachts ruhig große Bildflächen sehr dunkel sein, oder bei Schnee soll ruhig alles ein bisschen Richtung weiß tendieren. Wenn man zur Programmautomatik wechselt, dann kann man einen relativen Wert zur Korrektur einstellen, zum Beispiel eine Belichtungsstufe dunkler als von der Automatik gemessen.
  • Sie stellt die ISO-Stufe automatisch ein. Man kann aber entweder die Situation haben, dass man mit dem Stativ arbeitet und für eine gute Bildqualität mit sehr niedriger Empfindlichkeit arbeiten möchte, oder dass man Bewegungsaufnahmen im Dunkeln machen möchte, und die ISO lieber etwas höher wählt, um hinreichend kurze Zeiten für Bewegungsaufnahmen zu haben. Hier empfiehlt sich dann wieder die Programmautomatik.


Die Programmautomatik und wenn sie auch nervt.



Die Programmautomatik kümmert sich um die technische Seite der Belichtung, lässt einem aber bei der sonstigen Bildgestaltung recht viel Freiraum. Sie versucht, nach einer in die Kamera einprogrammierten Programmlinie Blende und Zeit so abzustimmen, dass keine von beiden Extremwerte erreicht. Wenn es also heller wird als vorher, verkürzt sie die Zeit und schließt die Blende etwas weiter, statt nur einen der beiden Parameter zu verändern.

Alles andere kann man selber einstellen, gespeichertes Bildformat, genutzte Autofokuspunkte (und Wahl zwischen Einzelbildfokussierung und Mitführung des Fokuspunktes), Weißabgleich, Belichtungskorrektur, Einzelbild oder Serienbilder, Blitz hinzuschalten, usw. Kann, muss aber nicht. Wenn man nichts ändern möchte, funktioniert sie genau so wie die Vollautomatik.



Mit der Programmautomatik kann man sich stufenweise auch an die Beeinflussung von Blende und Zeit herantasten. Es gibt nämlich einen sogenannten Programmshift. Wenn die Kamera eine Blende und eine Zeit vorgewählt hat, kann man diese Wahl entweder in Richtung größere Blende und kürzere Zeit oder in Richtung kleinere Blende und längere Zeit verschieben.



Grenzen der Programmautomatik:

  • Man kann das Programm shiften, aber diese Einstellung hält immer nur ein Foto lang vor. Sobald man den Auslöser gedrückt hat, zeigt sie wieder die ursprünglichen Werte an. Und wenn sich die Belichtung ändert, dann ändern sich sowohl Blende als auch Zeit und das Bild kann dementsprechend einen völlig anderen gestalterischen Eindruck machen.
  • Wenn man also sowieso ständig am Shifträdchen dreht, weil man gerne eine bestimmte Blende oder eine bestimmte Belichtungszeit haben möchte, dann ist es sinnvoller, direkt den entsprechenden Modus Blendenvorwahl oder Zeitvorwahl zu nutzen.
  • Wenn man mit einem manuellen Blitz/Computerblitz fotografieren möchte, ist es wichtig, dass sowohl Blende als auch Zeit kontrollierbar bleiben, denn die Blende muss am Blitz eingestellt werden, und die Zeit darf nicht unter die Synchronzeit fallen.
  • Eine konstante Einstellung der Blende ist wichtig, wenn man mit der Schärfentiefe spielen möchte, zum Beispiel sehr stark freistellen oder andererseits möglichst alles im Bild scharf braucht.
  • Eine konstante Einstellung der Zeit ist wichtig, wenn man zum Beispiel ganz bestimmte Verwischungseffekte braucht, zum Beispiel um bei Rennautos/Rennpferden die Kamera mitzuziehen, um bei sich bewegenden Wildtieren das Bild gerade noch nicht unscharf zu bekommen, um fließendes Wasser leicht pudrig verwischen zu lassen oder stattdessen die Wassertropfen einzufrieren.



Wann ist die Blendenvorwahl sinnvoll?


Die Blendenvorwahl ist die Einstellung, die ich im Alltag am meisten verwende. Denn meist ist es mir egal, ob die Kamera nun mit 1/100 oder 1/200 belichtet, oder bei schnellen Bildern mit 1/1000 oder 1/2000. Dafür möchte ich aber häufig eine ganz bestimmte Blende haben, die mir genau die Schärfentiefe gibt, die ich brauche. Die Zeit behalte ich dann eher so nebenbei im Blick, ob sie noch ungefähr in dem Rahmen liegt, den ich mir gesetzt habe. Wenn sie ein bisschen springt, ist es nicht so schlimm.
Mit der Blendenvorwahl habe ich also in der Tiefendarstellung eines Bildes den größten kreativen Freiraum.

Ihre Grenzen liegen darin, dass die Belichtungsmessung der Kamera einen gewissen Spielraum hat, um die Helligkeit meines Bildes zu verstellen. Wenn ich also verschiedene Perspektiven für ein Bild ausprobiere und je nachdem mal mehr und mal weniger Himmel mit ins Bild kommt, und dementsprechend wird das unterschiedlich gewichtet und jedes Bild hat eine andere Helligkeitsverteilung. Wenn ich die Helligkeit fixieren möchte, dann wechsle ich also besser in den manuellen Modus.
Es kann auch sein, dass ich dokumentieren möchte, wie es abends immer dunkler wird oder morgens immer heller, auch dann ist es sinnvoll, die Einstellungen zu fixieren, dann sieht man diesen zeitlichen Verlauf unmittelbar an der Helligkeit der Bilder.

Manchmal ist mir die konkrete Blende auch gar nicht so wichtig, sondern eher die Belichtungszeit. Zum Beispiel wenn es sehr dunkel ist und es nur darauf ankommt, dass ich noch bei 1/50 s (Objektivabhängig) bin, um nicht zu verwackeln. Und wenn die Blende dann minimal weiter schließt, um noch etwas Schärfentiefe zu bekommen, kann mir das nur recht sein. Aber wenn es noch dunkler wird, dann soll die Blende lieber maximal auf, als dass die Bilder verwackeln. In diesem Fall wähle ich dann die Zeitvorwahl.


Wann ist die Zeitvorwahl sinnvoll?


Im Prinzip wurden oben schon die Situationen genannt. Fotografie bei wenig Licht und höchster ISO-Stufe, um dann genau so viel Schärfentiefe zu bekommen, wie noch ohne Verwackeln möglich ist.
Oder auch Bewegtbilder von Tieren, wo es zwar um eine kürzere Zeit geht, aber sonst die Situation identisch ist: Das Tier soll in der Bewegung eingefroren werden, Schärfentiefe wäre gut, aber wenn man sie nicht haben kann, ist das halt so.
Sportfotos, wo es für die Darstellung einer ganz bestimmten Bewegung nötig ist, die Zeit exakt kontrollieren zu können, während es auf eine Blendenstufe nicht so ankommt (zum Beispiel Mitzieher bei 8 oder 11).


Wann ist die ISO-Automatik sinnvoll?

Es gibt noch einen Sonderfall, nämlich dass man Zeit und Blende kontrollieren möchte, aber es auf eine Belichtungsstufe mehr oder weniger Rauschen nicht so sehr ankommt. Und man auch bei wechselnder Helligkeit fotografiert, sodass manuelles Einstellen zu stressig wäre. Dann kann man die ISO-Automatik nutzen.
Allerdings bieten diese Einstellung nicht alle Kameras an, dazu muss man im Benutzerhandbuch nachschauen. Das finde ich durchaus schade, denn diese Einstellung kann sehr praktisch sein.

Ein Beispiel wäre Pferdefotographie. Man braucht eine ganz bestimmte Belichtungszeit, um die Bewegung einzufrieren, aber vielleicht noch Restunschärfen von stark bewegten Körperteilen (Schweif, Hufe) zu bekommen. Gleichzeitig will man eine ganz bestimmte Blende, um den kompletten Kopf scharfzustellen, aber das Pferd weitestmöglich vom Hintergrund freizustellen. Ob das Bild nun aber um eine Stufe mehr oder weniger rauscht, macht keinen Unterschied, bzw. im Freien bei Weidebildern geht es ja ohnehin noch um moderate ISO-Zahlen, die jede moderne Kamera rauschfrei hinbekommt.

Ein anderer Anwendungszweck wäre wiederum die Fotographie bei grenzwertigen Lichtbedingungen. Die Zeit wird auf die letzte verwacklungsfreie Möglichkeit eingestellt, die Blende auf fast (um Abbildungsfehler zu reduzieren und mehr Schärfentiefe zu haben) bzw ganz offen (um maximale Rauschfreiheit zu bekommen). Dann stellt die Kamera die ISO im Notfall hoch, wenn anders kein Bild mehr zu bekommen wäre, kann aber auch schnell wieder runterschalten, falls es etwas heller wird, um das Bild so rauschfrei wie möglich zu halten.


Zusammenfassung Halbautomatiken

Blende, Zeit und ISO sind die drei Parameter, die die Belichtung eines Bildes beeinflussen. Die Halbautomatiken bieten sich immer dann an, wenn man zwei dieser Parameter fixieren möchte, und bei dem dritten ungefähr eine Stufe Toleranz hat. Das heißt natürlich, man sollte die zwei fixierten Parameter so einstellen, dass bei dem momentan vorhandenen Licht der Dritte auch in einem vernünftigen Bereich landet, den man haben möchte.
Und je nachdem, wo die eigenen Prioritäten liegen, welche Einstellung auf jeden Fall fix sein muss, kann man dann entscheiden, welche Halbautomatik gewählt wird.

Wenn eine Kamera die automatische ISO-Einstellung mit einem selbst programmierbaren Maximalwert unterstützt, ist es oft auch nützlich, diese mit den anderen Halbautomatiken zu kombinieren. Wenn die Blende zum Beispiel das wichtigste Gestaltungsmittel ist, dann kann man diese einstellen, und die Kamera setzt in ihrem Rahmen die ISO-Zahl hoch, sobald man an verwacklungsanfällige Verschlusszeiten heranrutscht, stellt aber ansonsten so niedrig (und damit rauschfrei) wie möglich ein. Oder bei der Zeitvorwahl wird die Zahl nach oben gesetzt, sobald die Offenblende des Objektivs erreicht ist und das dennoch nicht reicht, um das Bild ausreichend hell zu belichten mit der vorgewählten Zeit.
Gerade bei Einsteigerkameras ist diese Möglichkeit sinnvoll, weil diese oft keine ISO-Zwischenstufen wie 125 oder 160 bei manueller Wahl unterstützen, aber sehr wohl bei automatischer Einstellung.

Wenn es schnell gehen muss bei etwas wechselnden Lichtverhältnissen, ist eine Halbautomatik das Mittel der Wahl. Die Kamera kann unmittelbar und viel schneller als jeder Mensch darauf reagieren.
Wichtig ist es nur, dann klar zu definieren, welche Parameter flexibel sein dürfen und welche trotzdem fixiert bleiben müssen.
Außerdem sollte man sich damit befassen, welche Belichtungsmessung (Matrix/Mehrfeld, mittenbetont, selektiv) für den jeweiligen Zweck am sinnvollsten ist, und wann eine Belichtungskorrektur notwendig wird.

Eine vollständig manuelle Einstellung ist im Alltag eher selten, auch wenn vielleicht manche damit prahlen, dass sie absolut alles selber einstellen. Für bestimmte Zwecke geht es aber nicht anders, als manuell einzustellen.


Wann ist eine komplett manuelle Einstellung sinnvoll?


  • Ein Anwendungsfall wäre das Blitzen. Wenn entweder eine externe Automatik wie bei Computerblitzen die Belichtung regelt, dafür aber wissen muss, was an der Kamera eingestellt ist. Oder wenn im Studio die gesamte Blitzanlage manuell eingestellt wird auf eine genau definierte Entfernung.
  • Eine weitere Situation wäre, wenn man unterschiedliche Helligkeitseindrücke genau so wiedergeben möchte, wie man sie sieht, statt der Belichtungsautomatik zu erlauben, dass immer alles auf eine mittlere Helligkeit eingeregelt wird.
  • Es kann auch Situationen geben, wo die Belichtungsautomatik sich sehr schwer tut, wenn zum Beispiel starkes Gegenlicht vorhanden ist. Hier ist es einfacher, alle Parameter vorzugeben und das Ergebnis kurz per Histogramm zu kontrollieren.
  • Wenn man spezielle Belichtungsmethoden verwenden möchte, zum Beispiel nach dem Zonenmodell alle Bildteile mit der Spotmessung oder einem externen Belichtungsmesser ausmessen und dann entscheiden, welche Zonen wie hell wiedergegeben werden sollen, muss man ebenfalls manuell einstellen.
  • Wenn man in einer Bildserie alle Motive (schwarz gekleidete Personen und weiß gekleidete Personen) mit der gleichen Umgebungshelligkeit einfangen möchte, sollte die Kameraeinstellung fixiert sein.
  • Um Bilder später per Software miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel bei Panoramen, müssen alle exakt identisch belichtet sein.




Fazit


An der Verwendung der Vollautomatik ist nichts Schlimmes, wenn den Anwender keiner der oben genannten Punkte stört.

Ansonsten kann man sich schrittweise in alle weiteren Modi hineintasten, irgendwann wird jeder für sich die persönliche Lieblingseinstellung finden, mit der er am häufigsten arbeitet.

Je nach Anwendungszweck hat alles seine Vor- und Nachteile, die man gegeneinander abwägen muss.

Da ist es wichtig, nicht dogmatisch vorzugehen, sondern zu schauen, was gerade zu einem passt.
 
Janni

Janni

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Beeindruckende Erklärungen, das hast Du sehr gut verfast und beschrieben, starke Leistung :klatschen:

Hab jetzt alles schnell durchgelesen und fand es (für Anfänger) recht einfach erklärt und die
einzelnen Dinge gut beschrieben :daumen:

Allgemein kann ich aus Erfahrung sagen das man bei soviel Text dazwischen ruhig mal ein Bild,
Tabelle oder Zeichnung reinpacken sollte, denn manchmal wirkt zuviel Text (ohne solche be-
bilderten Auflockerungen dazwischen)
manchmal ein wenig erschlagend....wenn Du weisst was
ich meine ;)


Auf jeden Fall eine tolle Leistung die ein dickes Lob verdient














Gruss
JAN
 
oz75

oz75

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Sehr schön! :daumen::daumen:

Allgemein kann ich aus Erfahrung sagen das man bei soviel Text dazwischen ruhig mal ein Bild,
Tabelle oder Zeichnung reinpacken sollte, denn manchmal wirkt zuviel Text (ohne solche be-
bilderten Auflockerungen dazwischen)
manchmal ein wenig erschlagend....wenn Du weisst was
ich meine ;)

Das würde ich gerne unterstreichen wollen. Beispielgrafiken und/oder -bilder - und das Ganze wird fluffiger.

Es ist hierbei zu bedenken: Für welche Zielgruppe ist der Text gedacht? Anfänger? Intermediates, die ihren Spielraum erweitern wollen? Oder ein genereller Diskurs auf "erhöhtem Niveau". Oder etwa ein "personal photographic diary"?

Was die (?) Vollautomatik betrifft, meine 5ct:

Sie ist m.E. dann erst eine echte, leidlich kontrollierte Option, wenn man die Nutzung der Teilautomatiken sowie die vollständig manuelle Nutzung beherrscht und sich die Methodiken der Vollautomatiken klar gemacht hat.

Erst dann ist sich der Nutzer über das Spielfeld Vollautomatik wirklich im Klaren.

Wählt man den kurzen Weg, ergibt man sich der Arithmetik eines Programmierers - und freut sich durchaus auch über das "eigene Ergebnis". Nur dürfte dieses dann nicht immer kongruent zum ursprünglich
intendierten Resultat sein.

Aber ein Glück, dass es die Kreativprogramme gibt: Kerzenprogramm (Nacht, o. Blitz), Gesichtsprogramm (Portrait) und Sportprogramm (für die Kätzchenfotografen und wahre Profis ;)) ...

Spaß beiseite.
Anders ausgedrückt, mit einem dicken Augenzwinkern ... und frei nach der Feuerzangenbowle: "Schule ist wie Medizin. Sie muss gelegentlich etwas bitter schmecken, sonst wirkt sie nicht.":)

In der digitalen Fotografie verbrennt man glücklicherweise nicht mehr massenhaft (Film-) Geld, wenn man sich einfach mit einer gewissen Systematik durch die manuelle Methodik von Blende und Verschlusszeit durchtestet. Der Aha-Effekt bei interessierten Anfängern ist bei einer solchen Vorgehensweise immens, gepaart mit dem Stolz, dass das entstandene Werk maßgeblicher durch das neuronale Netz zwischen den Ohren des Kamerahalters entstanden ist.

Und wer dann noch Lust hat, sich der Kätzchen- und Profiautomatik hinzugeben, der kann es besten Gewissens tun. :D

Grüße und besten Dank für den ausführlichen, spannenden Exkurs,
Oz
 
Frank V

Frank V

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Hallo Helena
Mensch, das ist aber sehr gut und verständlich geschrieben.
Ich wäre froh gewesen , wenn ich am Anfang meiner Fotografie so etwas gelesen hätte.
Sehr verständnisvoll und ich finde damit holst du diejenigen dort ab wo sie stehen..und nimmst sie mit.
Total klasse.
Vg Frank
 
Klaus-R

Klaus-R

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Hallo Helena,

herzlichen Dank auch diesesmal für Dein enormes Engagement hier.:daumen::klatschen:
Inhaltlich ist dem nichts hinzuzufügen ... das passt IMHO alles so.

Die peinliche Frage ist (wie oben schon angedacht) wem der Text von Nutzen ist, bzw. wer ihn zu Ende liest??

Die Interessierten sowieso ... ich denke ... bei uns im Forum sind solchen Gedanken genau richtig.

All den vielen Leuten, die mit einer wirklich wertigen Kamera jahrelang (meist im Urlaub) herumlaufen und nur den "Grünen Kasten" geschaltet haben (bei CANON der "Ich drück nur drauf"-Modus:eek:) werden Deine intelligenten Worte wenig helfen ... genau so wenig, wie die Anleitung der Kamera, die sie ja auch schon nicht gelesen haben.:eek::eek::eek:

Zur Sache:

Die MODI P/A/S/M sind IMHO die einzig wertvollen und wichtigen "Automatiken" einer gestalterisch wertvollen Kamera. CANON nennt diesen Bereich auf dem Wählrad nicht unzutreffend dann auch "Kreativbereich".

Völlig verzichtbar ist IMHO der sog. "Motivbereich" (Motivprogramme) ... der ja in der Regel auch nur von denjenigen verwedet wird, die sowas wie "Belichtung" nicht wirklich interessiert. Im Profi-Segment gibt's solche Einstelloptionen auch gar nicht ... braucht keiner, der verstanden hat, wie eine Knipskiste arbeitet.

Nochmals vielen Dank!:daumen:;)

Klaus
 
Robert

Robert

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... Jaa, ich wollte ja ein bisschen ins Tutorial schreiben einsteigen, ...

Hallo Helena,

Dein Stil liest sich flüssig und ist informativ ohne zu sehr ins Detail zu gehen - das gefällt mir richtig gut :daumen:

Gut vorstellen kann ich mir im Übrigen auch, dass diese erklärende Beschreibung von den meisten Interessenten gerne gelesen werden würde - anders als die BDA zur Kamera, die diese Thematik i.d.R. ja auch nur rudimentär aufgreift.

Ich denke, Frank hat das oben sehr schön auf den Punkt gebracht :)
 
Try

Try

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Hallo zusammen,

besten Dank für die doch sehr positiven Rückmeldungen. :daumen:

Einmal kam die Anregung, das Ganze doch zu bebildern.
Ich denke, da habt ihr recht, das würde den extrem langen Text sehr auflockern und sicher einfacher zu lesen machen.
Schwierig finde ich es, da zu entscheiden, welche Bilder sich denn eignen würden.
Ob ich vielleicht Vergleichsbilder zeigen sollte, was die Vollautomatik gemacht hat und wie ich es selber eingestellt hätte, um das Ergebnis noch zu verbessern?
Oder auch Bilder, wo ich einfach irgendetwas eingestellt habe, und dann gemerkt, dass ich da noch viel lernen muss?
Oder ob sich vielleicht auch Graphiken von Programmlinien anbieten würden, wie sie im Benutzerhandbuch stehen?
Die Anregung werde ich jedenfalls einmal im Hinterkopf behalten.

Die Frage zur Zielgruppe ist natürlich auch sehr berechtigt.
Der Text ist nicht komplett für jemanden geschrieben, der sich noch gar nicht irgendwo eingelesen hat. Zum Beispiel habe ich ja erwähnt, dass ISO, Blende und Belichtungszeit zusammenhängen, ohne aber noch einmal genau zu beschreiben, was man sich darunter vorstellen kann.
Das müsste ein interessierter Leser also an anderer Stelle nachholen.
Vielleicht ist es eher als Zusammenfassung und Bestätigung für jemanden gedacht, der schon so einiges gelesen hat, aber noch Schwierigkeiten mit der praktischen Umsetzung hat und gern konkreter wissen möchte, wie man das nun praktisch angeht.
Da greife ich wieder auf meine eigenen Erfahrungen zurück. Auch wenn ich vieles doppelt und dreifach gelesen habe, wollte ich immer, wenn ich meinte, etwas nun verstanden zu haben, noch einmal lesen, ob das nun wirklich so richtig ist.
Also die eine Zielgruppe ist jemand leseverrücktes, der unzählige Foren und Texte durchstöbert, vielleicht schon das BBT und verschiedene Fotolehrgänge durchgearbeitet hat, aber immer noch ein kleines bisschen mehr wissen will.

Dann dachte ich noch an jemanden, der vielleicht schon einige Zeit Fotos macht, und sich nun in einem Forum anmeldet und diese Begeisterung teilen möchte. Und dann kommen einige Kommentare, dass laut Exifs die Bilder mit einer Automatik gemacht wurden und der Threadersteller doch versuchen soll, auf die Automatik zu verzichten, so würde er nichts lernen. Meist erfährt dieser imaginäre Forumsneuling aber nicht, was denn genau das Problem ist, warum er es anders versuchen soll, wenn ihm doch die Bilder eigentlich ganz gut gefallen. Und fühlt sich dann einfach nur angegriffen.
Und hier könnte man dann auf diesen Text verweisen, und er könnte selber nachlesen, ob ihn die angesprochenen Punkte auch stören und er es deswegen einmal mit eigenen Einstellungen versuchen möchte.

Und Oz, ja, ein bisschen ist es auch eigene Geschichte, so richtig lange fotographiere ich ja noch nicht mit einer DSLR, etwas über zwei Jahre sind es nun, und ich habe natürlich auch die Ergebnisse meines Lernprozesses zusammengefasst.
Da hast du tatsächlich sehr recht, über die Erkenntnisse, die zwischen den eigenen Ohren entstehen, freut man sich am meisten. :D

Ja, es gibt nicht nur eine Vollautomatik, die ganzen Motivprogramme gehören auch dazu. Wie du auch richtig erwähnst, kann man sie tatsächlich erst dann wirklich sinnvoll einsetzen, wenn man verstanden hat, was da eigentlich reinprogrammiert wurde. Sie sind ja einfach ein Set von Voreinstellungen, um mit einem einzigen Dreh am Rädchen verschiedene Dinge gleichzeitig umschalten zu können. Bei einigen Kameras kann man sich so ein Set ja auch selber zusammenstellen (Customfunktionen).
Ich habe mich der Einfachheit halber oben auf die eine Vollautomatik (bei Canon die mit dem grünen Kästchen) beschränkt, weil diese am häufigsten verwendet wird, und vermutlich auch herstellerübergreifend ähnliche Eigenschaften hat. Wie die anderen sich verhalten, kann man ja nur erraten.

Und jetzt kann wohl nur die Zeit entscheiden, ob das tatsächlich jemand liest, der daraus noch neue Erkenntnisse ziehen kann, oder nur die alteingesessenen Forenmitglieder, die das sowieso schon alles wissen, und vermutlich sehr viel länger als ich. :)