Bilderforum
- Beiträge
- 917
Viele Kunsthistoriker wollen heute lieber Bildwissenschaftler sein. W. J. T. Mitchell gilt als ein Urheber dieses Trends. Nun sind erstmals Schriften von ihm auf Deutsch erschienen.
Dass Bilder in unserer Welt von grösster Bedeutung sind: Wer möchte dies bestreiten? Die Einsicht, dass sie eine zunehmend wichtige, gar wichtigere Rolle spielen als Texte, treibt seit geraumer Zeit auch die deutschen Geisteswissenschaften um.
Sie ging von den Cultural Studies aus, die sich seit den 1970er-Jahren an den angloamerikanischen Universitäten etablierten und ins Terrain der klassischen «Geisteswissenschaften» hineingreifen. In ihrem Kontext ist der viel debattierte «Iconic turn» anzusiedeln. Der «Iconic turn», auch «Pictorial turn» genannt – die kulturwissenschaftliche Interessenverlagerung hin zu den Bildern – wurde in Analogie zum «Linguistic turn» erfunden, dem sprachkritischen Dreh in der Philosophie im 20. Jahrhundert. Der Philosoph Richard Rorty brachte 1967 den Begriff mit seinem gleichnamigen Buch in Umlauf.
Der «Iconic turn» hängt sogar fast ursächlich mit dieser sprachkritischen Wende zusammen: Wenn alle Erkenntnis sprachabhängig ist, dann hat dies auch Folgen für unsere Analyse von Bildern. Der Bildbegriff umfasst dann nicht mehr nur «Abbildungen», sondern auch sprachliche Bilder, Metaphern etwa. Folglich steht auch die seit Lessing klassische Trennung zwischen wort- oder bildbasierten Kunstformen zur Diskussion. Mischformen aller Art rücken in den Blick.
Einer der Protagonisten dieser Neuausrichtung ist W. J. T. Mitchell, der 1992 den «Pictorial turn» in der führenden Kunstzeitschrift «Artforum» ausrief. Mitchell lehrt heute an der Universität von Chicago. Er hat sich sein Handwerkszeug in der methodisch innovativen Literaturwissenschaft der späten 60er- und der 70er-Jahre angeeignet. Fragen der Repräsentation, der Darstellung von Wirklichkeit in visuellen und sprachlichen Bildern standen am Anfang seiner an Wittgenstein und der Semiotik orientierten Forschungen.
Ein Vorkämpfer der Bildwissenschaft
Mitchell trat ab 1978 als Gründungsherausgeber der Fachzeitschrift «Critical Inquiry» in Erscheinung. Inzwischen hat er zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt 2005 «What do pictures want?». Er wird deswegen als Vordenker für die seit den 90er-Jahren vor allem von seinen deutschsprachigen Kollegen kontrovers diskutierte «Bildwissenschaft» wahrgenommen (und sollte nicht verwechselt werden mit William J. Mitchell, Professor für Architektur- und Medientheorie am MIT Cambridge).
Den bildwissenschaftlichen Ansatz vertritt dort, wenngleich unter anderem Namen («Iconic turn») und mit markant anderen Akzentsetzungen, prominent der Basler Lehrstuhlinhaber Gottfried Boehm samt dem von ihm 2005 ins Leben gerufenen Nationalen Schweizerischen Forschungsschwerpunkt Eikones, in dem es um Macht und Bedeutung der Bilder geht.
Mitchells Ziel ist es, verkürzt gesagt, die Eigenlogik der Bilder im Unterschied zu jener der Sprache zu erforschen. Anders als die meisten klassischen Kunsthistoriker, die sich nur für im bürgerlichen Kanon verankerte Bilder der Kunst zuständig fühlen, hat Mitchell dabei Bilder und deren Funktionen in der Gesellschaft im weitesten Sinne im Visier. So gilt eines seiner erfolgreichsten Bücher der Darstellung von Dinosauriern in unserer Kultur; es wurde für den Pulitzer-Preis nominiert.
Dass dieser Ansatz gerade in Teilen der hiesigen Kunstgeschichte auf reges Interesse stiess, hat mit einer methodischen Winterstarre des Faches zu tun. Während man in den Literaturwissenschaften spätestens seit den 70er-Jahren intensive Diskussionen über Sinn und Zweck des eigenen Faches führte, neue Methoden etablierte und sich auch für zuvor undenkbaren Themen wie Gender oder postkoloniale Fragen öffnete, meinten viele Kunsthistoriker, es genüge, sich in althergebrachter Weise nur um museal abgesegnete, kanonische Kunst zu kümmern.
Die im Alltag zunehmend präsenten «trivialen» Bilder der Werbung, ja nur schon die Fotografie schieden so als Gegenstand einer kritischen Analyse aus. Nur die weitsichtigeren Vertreter des Fachs erkannten, dass diese Selbstbeschränkung fatal war: Sie konnte die Disziplin im wissenschaftlichen Wettbewerb, der immer auch ein Wettbewerb um Legitimation, Ansehen und Forschungsgelder ist, um Kopf und Kragen bringen.
Der Doyen der deutschen Kunstgeschichte, Hans Belting, stellte nicht umsonst schon 1983 in polemischer Absicht die damals Aufsehen erregende Frage nach dem «Ende der Kunstgeschichte» klassischer Machart. Gottfried Boehm publizierte 1994 den Band «Was ist ein Bild?», ein Gründungsdokument für seinen «Iconic turn». Wie er diesen heute versteht, lässt sich in seinem jüngsten Aufsatz-Sammelband «Wie Bilder Sinn erzeugen» nachlesen. Hans Belting lieferte 2001 mit seiner «Bild-Anthropologie – Entwürfe für eine Bildwissenschaft» einen entscheidenden Beitrag. In diesem Kontext wurde Mitchells «Iconology» (1986) und seine «Picture Theory» (1994) wahrgenommen – nicht zuletzt, um sich zum Teil deutlich davon abzugrenzen.
Bisher nur verstreut greifbare Texte
Dennoch wurden bisher nur einzelne von Mitchells Aufsätzen, aber kein Buch vollständig ins Deutsche übersetzt. Für Ende Oktober ist Mitchell jüngstes Buch, «What do pictures want», das in Fachkreisen aber nicht als sein bestes gilt, unter dem Titel «Das Leben der Bilder» bei C.H. Beck auf Deutsch angekündigt (mit einer Einleitung von Hans Belting). Wer das Pferd nicht vom Schwanz her aufzäumen will, sondern sich schrittweise mit Mitchells Argumenten vertraut machen möchte, ist mit der unter dem Titel «Bildtheorie» vorliegenden Auswahl von Schlüsseltexten besser bedient. Sie bietet Aufsätze oder Ausschnitte aus Büchern sowie ein Gespräch Mitchells mit dem Orientalisten Edward Said. Der Herausgeber Gustav Frank hat den Band mit einem hilfreichen Nachwort versehen, das Mitchells Weg erklärt und zudem den Zusammenhang darlegt, in dem sein Werk steht.
Neben der grundlegenden Analyse «Was ist ein Bild?» findet sich im Band der erwähnte Aufsatz zum «Pictorial turn» oder jener über «Metabilder» – Bilder also, die auf andere Bilder Bezug nehmen, diese in ihrer Bildhaftigkeit kommentieren. Dass Mitchell als Theoretiker leider nicht sehr geradlinig ist, was ihm auch häufig vorgeworfen wurde, belegen Beiträge wie «Was ist Visuelle Kultur?». Darin polemisiert er gegen die Geister, die er zum Teil selber rief – die methodologisch verwässerten «Visual Culture Studies».
Mitchell ist beileibe kein einfacher Autor; seine oft verschlungenen Darstellungen setzen Geduld voraus. Lohnend ist die Lektüre, wenn man sich für die aktuelle theoretische Diskussion rund um Bilder in unserer Welt interessiert und sich dabei an einem offenen Ausgang und Inkohärenzen nicht stört. Denn Mitchell pflegt einen originellen, erfrischend polemischen Blick auf unseren Umgang mit ihnen.
W. J. T. Mitchell: Bildtheorie. Hg. Gustav Frank, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 491 S.
Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen – Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin 2007. 282 S.
«Das Leben der Bilder» von W. J. T. Mitchell erscheint Ende Oktober bei C. H. Beck.
Quelle: Tages-Anzeiger
Dass Bilder in unserer Welt von grösster Bedeutung sind: Wer möchte dies bestreiten? Die Einsicht, dass sie eine zunehmend wichtige, gar wichtigere Rolle spielen als Texte, treibt seit geraumer Zeit auch die deutschen Geisteswissenschaften um.
Sie ging von den Cultural Studies aus, die sich seit den 1970er-Jahren an den angloamerikanischen Universitäten etablierten und ins Terrain der klassischen «Geisteswissenschaften» hineingreifen. In ihrem Kontext ist der viel debattierte «Iconic turn» anzusiedeln. Der «Iconic turn», auch «Pictorial turn» genannt – die kulturwissenschaftliche Interessenverlagerung hin zu den Bildern – wurde in Analogie zum «Linguistic turn» erfunden, dem sprachkritischen Dreh in der Philosophie im 20. Jahrhundert. Der Philosoph Richard Rorty brachte 1967 den Begriff mit seinem gleichnamigen Buch in Umlauf.
Der «Iconic turn» hängt sogar fast ursächlich mit dieser sprachkritischen Wende zusammen: Wenn alle Erkenntnis sprachabhängig ist, dann hat dies auch Folgen für unsere Analyse von Bildern. Der Bildbegriff umfasst dann nicht mehr nur «Abbildungen», sondern auch sprachliche Bilder, Metaphern etwa. Folglich steht auch die seit Lessing klassische Trennung zwischen wort- oder bildbasierten Kunstformen zur Diskussion. Mischformen aller Art rücken in den Blick.
Einer der Protagonisten dieser Neuausrichtung ist W. J. T. Mitchell, der 1992 den «Pictorial turn» in der führenden Kunstzeitschrift «Artforum» ausrief. Mitchell lehrt heute an der Universität von Chicago. Er hat sich sein Handwerkszeug in der methodisch innovativen Literaturwissenschaft der späten 60er- und der 70er-Jahre angeeignet. Fragen der Repräsentation, der Darstellung von Wirklichkeit in visuellen und sprachlichen Bildern standen am Anfang seiner an Wittgenstein und der Semiotik orientierten Forschungen.
Ein Vorkämpfer der Bildwissenschaft
Mitchell trat ab 1978 als Gründungsherausgeber der Fachzeitschrift «Critical Inquiry» in Erscheinung. Inzwischen hat er zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt 2005 «What do pictures want?». Er wird deswegen als Vordenker für die seit den 90er-Jahren vor allem von seinen deutschsprachigen Kollegen kontrovers diskutierte «Bildwissenschaft» wahrgenommen (und sollte nicht verwechselt werden mit William J. Mitchell, Professor für Architektur- und Medientheorie am MIT Cambridge).
Den bildwissenschaftlichen Ansatz vertritt dort, wenngleich unter anderem Namen («Iconic turn») und mit markant anderen Akzentsetzungen, prominent der Basler Lehrstuhlinhaber Gottfried Boehm samt dem von ihm 2005 ins Leben gerufenen Nationalen Schweizerischen Forschungsschwerpunkt Eikones, in dem es um Macht und Bedeutung der Bilder geht.
Mitchells Ziel ist es, verkürzt gesagt, die Eigenlogik der Bilder im Unterschied zu jener der Sprache zu erforschen. Anders als die meisten klassischen Kunsthistoriker, die sich nur für im bürgerlichen Kanon verankerte Bilder der Kunst zuständig fühlen, hat Mitchell dabei Bilder und deren Funktionen in der Gesellschaft im weitesten Sinne im Visier. So gilt eines seiner erfolgreichsten Bücher der Darstellung von Dinosauriern in unserer Kultur; es wurde für den Pulitzer-Preis nominiert.
Dass dieser Ansatz gerade in Teilen der hiesigen Kunstgeschichte auf reges Interesse stiess, hat mit einer methodischen Winterstarre des Faches zu tun. Während man in den Literaturwissenschaften spätestens seit den 70er-Jahren intensive Diskussionen über Sinn und Zweck des eigenen Faches führte, neue Methoden etablierte und sich auch für zuvor undenkbaren Themen wie Gender oder postkoloniale Fragen öffnete, meinten viele Kunsthistoriker, es genüge, sich in althergebrachter Weise nur um museal abgesegnete, kanonische Kunst zu kümmern.
Die im Alltag zunehmend präsenten «trivialen» Bilder der Werbung, ja nur schon die Fotografie schieden so als Gegenstand einer kritischen Analyse aus. Nur die weitsichtigeren Vertreter des Fachs erkannten, dass diese Selbstbeschränkung fatal war: Sie konnte die Disziplin im wissenschaftlichen Wettbewerb, der immer auch ein Wettbewerb um Legitimation, Ansehen und Forschungsgelder ist, um Kopf und Kragen bringen.
Der Doyen der deutschen Kunstgeschichte, Hans Belting, stellte nicht umsonst schon 1983 in polemischer Absicht die damals Aufsehen erregende Frage nach dem «Ende der Kunstgeschichte» klassischer Machart. Gottfried Boehm publizierte 1994 den Band «Was ist ein Bild?», ein Gründungsdokument für seinen «Iconic turn». Wie er diesen heute versteht, lässt sich in seinem jüngsten Aufsatz-Sammelband «Wie Bilder Sinn erzeugen» nachlesen. Hans Belting lieferte 2001 mit seiner «Bild-Anthropologie – Entwürfe für eine Bildwissenschaft» einen entscheidenden Beitrag. In diesem Kontext wurde Mitchells «Iconology» (1986) und seine «Picture Theory» (1994) wahrgenommen – nicht zuletzt, um sich zum Teil deutlich davon abzugrenzen.
Bisher nur verstreut greifbare Texte
Dennoch wurden bisher nur einzelne von Mitchells Aufsätzen, aber kein Buch vollständig ins Deutsche übersetzt. Für Ende Oktober ist Mitchell jüngstes Buch, «What do pictures want», das in Fachkreisen aber nicht als sein bestes gilt, unter dem Titel «Das Leben der Bilder» bei C.H. Beck auf Deutsch angekündigt (mit einer Einleitung von Hans Belting). Wer das Pferd nicht vom Schwanz her aufzäumen will, sondern sich schrittweise mit Mitchells Argumenten vertraut machen möchte, ist mit der unter dem Titel «Bildtheorie» vorliegenden Auswahl von Schlüsseltexten besser bedient. Sie bietet Aufsätze oder Ausschnitte aus Büchern sowie ein Gespräch Mitchells mit dem Orientalisten Edward Said. Der Herausgeber Gustav Frank hat den Band mit einem hilfreichen Nachwort versehen, das Mitchells Weg erklärt und zudem den Zusammenhang darlegt, in dem sein Werk steht.
Neben der grundlegenden Analyse «Was ist ein Bild?» findet sich im Band der erwähnte Aufsatz zum «Pictorial turn» oder jener über «Metabilder» – Bilder also, die auf andere Bilder Bezug nehmen, diese in ihrer Bildhaftigkeit kommentieren. Dass Mitchell als Theoretiker leider nicht sehr geradlinig ist, was ihm auch häufig vorgeworfen wurde, belegen Beiträge wie «Was ist Visuelle Kultur?». Darin polemisiert er gegen die Geister, die er zum Teil selber rief – die methodologisch verwässerten «Visual Culture Studies».
Mitchell ist beileibe kein einfacher Autor; seine oft verschlungenen Darstellungen setzen Geduld voraus. Lohnend ist die Lektüre, wenn man sich für die aktuelle theoretische Diskussion rund um Bilder in unserer Welt interessiert und sich dabei an einem offenen Ausgang und Inkohärenzen nicht stört. Denn Mitchell pflegt einen originellen, erfrischend polemischen Blick auf unseren Umgang mit ihnen.
W. J. T. Mitchell: Bildtheorie. Hg. Gustav Frank, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 491 S.
Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen – Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin 2007. 282 S.
«Das Leben der Bilder» von W. J. T. Mitchell erscheint Ende Oktober bei C. H. Beck.
Quelle: Tages-Anzeiger