Rodenstock Citonette 4,5 x 6 - Kameraportrait

Klaus-R

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Hallo zusammen,

heute möchte ich eine wirklich seltene Mittelformat-Faltkamera vorstellen.

Eine Rodenstock Citonette.

Fast hätte ich das schöne Stück auf dem Flohmarkt übersehen, aber
die Kamera fiel meiner Chefin dann doch auf .... jetzt ist sie in guten Händen .... in meinen.

Citonette - 29.jpg

Die Firma Rodenstock war viele Jahre lang eine der besten Adressen für

Vergrößerungsoptiken. Dass vor dem 2. Weltkrieg auch Kameras gebaut wurden,
wusste ich gar nicht und es waren auch nur sehr wenige. Heute wird das Label
"Rodenstock" für Brillen verwendet.

Es war gar nicht so einfach, die Kamera überhaupt zu identifizieren.
Die wenigen Bilder, die es im Netz zu finden gibt weisen sie leider z.T.
falsch aus. Zunächst dachte ich, es sei eine "Ysette", inzwischen weiß ich, dass
das Modell Citonette hieß.

Viel mehr, als das ungefähre Herstellungsjahr lässt sich leider nicht ermitteln!
Die Kamera sollte aus dem Jahr 1934 stammen.

Ein Rodenstock Kameraverzeichnis oder eine Fangemeinschaft scheint es nicht zu geben ....
wenn das hier jemand lesen sollte, der sich besser auskennt, als ich das recherchieren
kann, dann würde ich mich über diesbezügliche Informationen sehr freuen.

Solche schönen Sachen sind auf Trödelmärkten sehr schlecht aufgehoben und halten
da i.d.R. auch nicht lange durch! Die Sachen liegen da unter freiem Himmel auf Wühltischen
herum .... jeder Platzregen kann ihnen endgültig den Garaus machen ....
Schön ausgesehen hat sie zunächst nicht .... inzwischen habe ich die alte Dame wieder schön
aufgearbeitet .... klar .... etwas Patina blaibt nach rund 90 Jahren natürlich 'dran.

Die Citonette ist eine für ihre Zeit ENORM lichtstarke Kamera. Die winzige Faltkamera kommt
mit einem Rodenstock-Trinar-75mm / F:2,9 daher, das ist eine sehr große Öffnung
für die 1930er Jahre.

Ferner wurde ihr der damals weltbeste Zentralverschluss aus dem Hause Friedrich Deckel gegönnt.
Der COMPUR realisiert alle Zeiten von einer Sekunde bis zu 1/250s ..... spitze damals und heute
noch klasse!

Die Citonette ist eine der damals noch wenigen 4,5 x 6 cm Mittelformat
Kameras. Die damaligen Typ 120 Rollfilme waren überhaupt noch nicht für das 645er
Format gedacht und hatten noch gar keine 4,5 x 6 Zählspur für den Filmtransport.
Frühe 645er Kameras machen sich daher einen einfachen Trick zunutze ..... sie haben zwei
Zählfenster auf der 6x9er Zählspur .... und so sieht das aus:


Citonette - 28.jpg


Die "1" der 6x9 Spur wird zuerst im linken Fenster eingestellt und für die zweite Aufnahme dann im rechten Fenster. Für die dritte Aufnahme dann die "2" im linken Fenster, für die vierte Aufnahme dann die "2" im rechten Fenster u.s.w..

Heute haben die 120er Filme alle auch eine 645er Zählspur, man muss es mit dieser uralten Dame aber trotzdem noch genau so halten, wie damals und die 6x9er spur zum Filmtransport nutzen, da ein heute passendes Transportfenster ja leider fehlt.

Citonette - 23.jpg

Schon ungewöhnlich ... So, wie die Kamera oben steht, macht sie querformatige Aufnahmen, denn bei einem an sich horizontal ablaufendem Film geht es ja nicht anders .... wie die Filmbühne hier erkennen lässt:

Citonette - 7.jpg


Sehr ungewöhnlich bzw. gewöhnungsbedürftig ist, dass bei der Citonette das Filmtransport-Rändel unten verbaut ist, das findet man bei Nachkriegskameras so nicht mehr .... geht natürlich genau so gut.

Ebenso "ungewöhnlich" ist die Linksauslösung der Citonette, denn man ist es heute gewöhnt,
mit dem rechten Zeigefinger auszulösen.

Da der Fokus aber ungekoppelt eingestellt werden muss (die Kamera hat gar keinen Entfernungsmesser), muss man zumindest nicht mit der rechten Hand fokussieren,
denn es muss immer vorfokussiert werden.

Ausstattung:

Die Citonette ist aus heutiger Sicht spartanisch ausgestattet und auch im Vergleich mit den von mir ja so gerne empfohlenen Nachkriegs-Faltkameras fehlt dann doch so einiges, was das Photographieren einfacher macht.....
Vorkriegs-Kameras sind aus anderen Werkstoffen gemacht .... wichtigster Unterschied zu allem, was nach dem 2. Weltkrieg kam ist, dass das Aluminium noch fehlt.
Die Citonette hat schon V2A Bauteile ..... Edelstahl war noch jung, wurde von Krupp erst nach dem 1. Weltkrieg (1918 patentiert).
Korrosion spielt dennoch eine Rolle bei den alten Sachen. In Verbindung mit dem hohen Alter haben viele dieser Kameras also Korrosionsschäden. Diese Citonette hat sich ganz gut gehalten.

Wie fast alle Vorkriegs-Falter hat auch diese Rollfilmkamera noch keine Doppelbelichtungssperre, was ein echter Mangel ist. Man muss sich bei der Bedienuung der Kamera sehr konzentrieren und entscheiden, wann man sich angewöhnt, den Film zu transportieren, um Leerfelder oder Doppelbelichtungen zu vermeiden.
Ich empfehle, sich anzugewöhnen, den Film immer direkt nach einer Aufnahme zu transportieren, um für das nächste Photo schnell schussbereit zu sein.
Kameras aus dieser Zeit haben noch keine Blitzsynchronisation, weil Blitzgeräte damals noch nicht elektrisch gezündet wurden .... das war ja noch das pyrotechnische Abenteuer und die Zeit, als die Photographen noch an ihren verbrannten Haaren zu erkennen waren.

Ferner fehlt der Citonette ein sog. Vorlaufwerk (Selbstauslösehemmwerk), das die meisten Nachkriegsfalter haben.

In Verbindung mit ihrer Linksauslösung und ihrer auch ansonsten sehr unergonomischen Bedienung muss ich leider sagen, dass sie schwierig zu handhaben ist .... aus heutiger Sicht sowieso.

Citonette - 31.jpg

Citonette - 30.jpg

Die alten deutschen Verschlusszeiten und die uralte Blendenreihe erschweren die Bedienung dann,
wenn ein moderner Belichtungsmesser diese Kombinationen nicht mehr kennt ..... ich nutze ja den
alten Gossen Sixtomat .... habe da keine Probleme mit.

Sinnvolles Zubehör für eine zeitgemäß unbeholfene Kamera ist also ein hübscher Belichtungsmesser
mit alten Belichtungsreihen und ein separater Entferungsmesser, denn die Citonette verfügt nicht über eine eigene Entfernungsmessung und ein Mittelformater hat so geringe Tiefenschärfe, dass das Schätzen der Entfernungen meistens in die Hose geht.

Citonette - 33.jpg


Der Sucher der Citonette ist zwar ein optischer Okularsucher (viele Kameras hatten damals nur
Drahtrahmensucher zum Ausklappen), dennoch aus heutiger Sicht nicht gerade gut.
Immerhin, der Sucher hat eine einfache Nahbereichs-Parallaxenkorrektur

Citonette - 27.jpg

Und los geht das ..... was kann so ein Altertum denn heute noch??
1934 war das Jahr, als die allerersten sauteuren Dreischicht-Farbfilme in Deutschland auf den Ladentisch kamen. Farbfilme spielten bei der Kamerakonstruktion also für diese
Kamera ganz sicher noch keine Rolle.
Ich will's aber wissen und nehme eine KODAK Portra 160 Farb-Rollfilm aus dem Eisfach .....

Citonette - 6.jpg

Wider Erwarten lässt sich die alte Kiste prima und komfortabel mit dem
hochmodernen Farbfilm laden. Der Mechanismus ist durchdacht und schön ausgeführt.
An den 645 Vorschub über die 6x9 Zählspur muss man sich gewöhnen und ein gewisser Nachteil soll
sich später auch noch zeigen .... das Hinzunehmen einer extra 645 Zählspur, die heutige Filme ja
haben, macht durchaus Sinn und ist besser, als die damalige Notlösung.
Ich ziehe den Film also durch und werfe insgesamt 16 mal Licht drauf!

Fertig!

Citonette - 7.jpg

Der Film ist auf der Nehmerspule angelangt und kann entnommen werden .... -hier die nicht ungschickte
Mechanik dafür- ..... das gefällt!

Citonette - 8.jpg

Ich beschließe, den Film in der RONDINAX 60 Tageslicht-Entwicklungsdose zu verarbeiten. Tageslicht deshalb, weil man keine Dunkelkammer und keinen Dunkelsack braucht, um den Film da hineinzubekommen .... das Dings ist genial ..... Die LAB-Box ist nichts anderes als ein Nachbau dieser uralten AGFA-Konstruktion:

Citonette - 10.jpg


Einlegen und schließen

Citonette - 11.jpg


Filmträger herausziehen (Film spult sich automatisch in eine Rollkammer) Rollkammer verriegeln und Dose öffnen

Citonette - 12.jpg

Zugband einklipsen Dose schließen, Kammer wieder öffnen und den Film einspulen .... GENIAL!
Ich hatte an anderer Stelle behauptet, dass es gar kein Ding ist, mit der Rondinax von AGFA oder mit einer LAB-BOX auch HIGH TEMP Prozesse zu fahren .... warum auch?
Ich kann die RONDINAX genau, wie jede Kippbox doch prima auch in einem Mantelbad für C41 oder E6
Entwicklungen temperieren ... zusammen mit allem anderen Zeugs, das auf genaue Prozesstemperatur
kommen muss:

Citonette - 16.jpg


Keine Angst .... ich mag kein warmes BIER .... die Bierpulle ist ideal für das temperierte Wässerungswasser, weil sie auch leer nicht aufschwimmt und so einen konstanten Wasserstand im Mantelbad ermöglicht.
C41 bei 39 Grad und in der RONDINAX Dose .... kein Problem und das geht mit der LAB-BOX ganz genau so einfach!

Citonette - 20.jpg



Man erkennt, dass die Citonette größere Bildfenster erzeugt, als später genormt wurden.
Mein Scanner erkennt deswegen die Bildränder nicht automatisch .... ist aber nicht schlimm
.... das geht schnell auch manuell.

Die Stege zwischen den Aufnahmen sind sehr schmal .... aus zwei Gründen:
Das Bildfenster ist größer als bei späteren 645ern und der Filmtransport über die dafür nur bedingt
geeignete 6x9 Zählspur staucht die Aufnahmen zusätzlich zusammen! Logisch!
Für die Stege bleibt ja nur der halbe Abstand wie für eine 6x9 Belichtung weil es ja doppelt so
viele Stege gibt!

Am Anfang des Filmes bleibt so eine große ungenutzte Lücke in die problemlos eine 17. Aufnahme
passen würde, wenn man die Lücke nutzen könnte!

Die 6x9 "1" liegt für diesen Hackentrick leider zu weit hinten auf dem Filmträger.
Modernere 4,5 x 6 Faltkameras, die die spätere 645 Zählspur auch nutzen, haben das Problem nicht,
weil diese Spur stärker gespreizt ist, die Stege von daher breiter ausfallen.

Bildqualität ......

Kann der Oldtimer mit seinem Dreilinser und einer für die Zeit und das Mittelformat sehr herausfordernden Lichtstärke bildqualitativ überzeugen oder gar heutigen Ansprüchen genügen?
Fakt ist, dass es sauscharfe Großformat-Aufnahmen schon aus dem späten 19. Jahrhundert gibt.
Kein Problem auch, Mittelformater aus den 1930er Jahren zu finden, die verdammt scharf und detailliert abbilden .....

Allerdings sind die dann auch alle 1,5 Blendenstufen lischtschwächer als das waghalsige TRINAR von Rodenstock.

Problem auch ..... und auch noch viel später ..... alle diese zu frühen Lichtriesen lassen sich auch durch
Abblenden nicht wesentlich steigern!

Um es vorweg zu nehmen ..... nein, das Rodenstock Objektiv ist kein Wunder der damaligen Photooptik ..... es liefert nur durchschnittlich ab (auch abgeblendet) und kann mit meinen Nachkriegs-Mittelformatern, die auf heutigem Niveau abliefern auf keinen Fall mithalten.

Bildbeispiele:

Citonette - 34.jpg

Citonette - 35.jpg

Citonette - 36.jpg

Citonette - 37.jpg

Citonette - 38.jpg


Citonette - 39.jpg

Citonette - 40.jpg


😊
FAZIT:

Die alte und sehr seltene Rodenstock ist leider KEIN Weltwunder der Bildqualität in Sachen "FRÜHE LICHTRIESEN".
Ferner ist die Bedienung der Kamera (und ich bin nicht pingellig und macht ja auch Spaß😊) wirklich ein Graus ...viel unergonomischer geht es kaum noch.
Die Citonette ist ein Schmuckstück und es hat Spaß gemacht, mit dieser fast 90 Jahre alten Kamera heute Aufnahmen gemacht zu haben.

Citonette - 24.jpg

Citonette - 25.jpg

Grüße, rettet Film und schöne Photos😊

Klaus
 
Zuletzt bearbeitet:
17.06.2021
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Franzl

Franzl

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Eine Dokumentation, die sich gewaschen hat. Klasse vorgestellt die alte Kamera. Bisher wusste ich nicht, dass Rodenstock Kameras produzierte. Ich kenne sie hauptsächlich von Objektiven und Brillengläsern.
 
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Lieben Dank für die Reaktion😊 ..... mir ist ja jedes Mal schon klar, dass die uralte Phototechnik
die Wenigsten interessiert.
Aber das Blatt wendet sich! Es gab ja auch mal eine Zeit, da hat sich niemand mehr für Schallplatten interessiert ..... jetzt werden sogar wieder Schallplattenspieler gebaut und Platten gepresst .........

Film wäre fast gestorben und erlebt jetzt gottseidank einen kleinen Hype ..... Kodak und andere Filmhersteller haben durchgehalten .... mit geschätzten 2% ihres Umsatzes aus den 1990ern.

Mich fasst es irgendwie an, eine sooo alte Kamera, die nur durch Zufälle überlebt hat, in 2021 noch einmal
zu Ehren kommen zu lassen! Die Konstrukteure, die Facharbeiter, die sie mal gebaut haben und mindestens zwei Vorbesitzer leben nicht mehr ..... das alte Ding hat jetzt den Flohmarkt auch noch überlebt und
wird möglicherweise auch mich überleben, wenn jemand anderer dafür sorgt.

Ob ich da selber noch einmal einen Film mit belichte ist eher mal die Frage, denn ich habe Mittelformater (auch 645er) die qualitativ einfach viel besser abliefern! Sicher ist aber, dass diese Citonette bei mir jetzt erstmal SICHER ist.......😊😊😊

Grüße und rettet Film

Klaus
 
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