KODAK RETINA 1A 1951 - KAMERAPORTRAIT

Klaus-R

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Hallo zusammen,

Nun bin ich ja EIGENTLICH gar kein allzugroßer Freund von Kameras des großen Filmherstellers KODAK
(ganz gegensätzlich zu meiner bekannten Zuneigung zu AGFA-Kameras) .... aus einem ganz einfachen Grund:

Fast alle Mittelformat KODAK-Kameras setzten damals auf den "ollen" TYP 620 Rollfilm, der damals wie heute überflüssig, wie ein Kropf war und heute nicht mehr erhältlich ist .... nichtmal von KODAK selber und die hatten den 620er Rollfilm seinerzeit ja selber eingeführt und gegen den Klassiker Typ 120 durchsetzen wollen.

Hier aber geht es um eine Kleinbild Kamera .... für den heute bekannten und bis heute etablierten TYP 135 Kleinbildfilm, den selbst KODAK (historisch bekannt für immer neue sehr spezielle Film-Formate) nie infrage stellen konnte.

RETINA - 1.jpg


Und ja ..... das Schicksal wollte, dass sogar zwei dieser Kameras in meine Hände fielen .... wirklich durch zwei voneinander unabhängige Zufälle.
Beide Kameras sind trotz ihres Greisenalters von 71 Jahren in sehr sehr seltenem Topzustzand und das nicht nur optisch, sondern auch technisch.
Beide Kameras funktionieren tadellos mit allen Funktionen, mussten nicht einmal gereinigt werden .... seltener Zufall, seltenes "Glück", wenn man so will. Es handelt sich bei beiden Kameras um RETINA 1A Modelle aus 1951, die sich aber doch durch WINZIGKEITEN unterscheiden sollen:

RETINA - 6.jpg

Diese KODAK RETINA 1a (Typ 015) 1951 ist eine "3,5"

RETINA - 8.jpg


Das Andere Modell ist eine ....KODAK RETINA 1a (Typ 015) 1951 "2,8"
Beide Modelle unterscheiden sich also beim eingebauten Schneider Kreuznach Objektiv.
Ferner gibt es einen kleinen Unterschied beim eingebauten "Friedrich Deckel"
Zentralverschluss:
Die 3,5er Retina hat den Synchro COMPUR RAPID Verschluss aus dem Hause Deckel während die
2,8er nur mit dem einfachen COMPUR RAPID Verschluss ausgestattet ist.

SYNCHRO COMPUR:

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COMPUR RAPID:

RETINA - 9.jpg

Hier mal etwas "Zentralverschlusskunde" .... kann bei Desinteresse natürlich überlesen werden .....

ist mir aber WICHTIG, weil da enorm viel Unfug im Netz zu lesen ist!
Alle Zentralverschlüsse, die eine Blitzsynchronbuchse eingebaut haben, synchronisieren "X"!

X-Synchronisation bedeutet, dass der Blitz genau dann gezündet wird, wenn der Zentralverschluss
VOLL GEÖFFNET IST! Genau das ist optimal, wenn mit modernen Elektronenblitzgeräten belichtet wird.
Man kann dann nämlich (Vorteil bei allen Zentralverschlüssen) bei allen Verschlusszeiten blitzbelichten.

Elektronenblitzgeräte reagieren wirklich mit "Lichtgeschwindigkeit" (also praktisch verzögerungsfrei) auf Zündung.

Elektronenblitzgeräte gab es schon sehr früh in den 1950er Jahren, sie waren aber unerschwinglich teuer und deswegen selten im Gebrauch. Üblich waren damals sog. "BIRNEN-Blitzgeräte", die mit einmal verwendbaren und austauschbaren Blitzbirnen betrieben wurden.

Solche Blitzbirnen zünden (im Gegensatz zu den Elektronenblitzgeräten) Sekundenbruchteile verzögert und können bei "X" Synchronisation bis maximal zu 1/25s Verschlusszeit verwendet werden.
Ansonsten ist der Verschluss schon zu, wenn die Blitzbirne ihr Licht abgibt.

Der SYNCHRO Verschluss ist also umschaltbar von "X" auf "M" Synchro!!

Bei "M" Synchronisation wird nun ein angeschlossener Birnenblitz so "vorgezündet", dass auch das Birnenblitzgerät bei allen Verschlusszeiten (also auch schneller als 1/25s) verwendet werden kann.

Heutiger Wert:

Die bei Sammlern beliebteren SYNCHRO-Modelle bieten bei heutiger Verwendung also nur dann noch Vorteile, wenn aus Nostalgiegründen tatsächlich noch mit einem Birnenblitzgerät geblitzt werden soll.

Tatsächlich ist auch das noch möglich .... die Geräte gibt es noch zahlreich und günstig .... allerdings werden die Birnen nicht mehr hergestellt. Es gibt aber noch reichlich Blitzbirnen aus Restbeständen damaliger Produktion.

Ich habe tatsächlich auch solche Blitzgeräte und auch Birnen dafür ... weil ich einen an der Klatsche habe ...
nicht weil es Sinn macht!

Zurück zu den historischen Kameras:

Die 3,5er konnte ich auf einem Düsseldorfer Trödelmarkt einfach keinem schlechteren Schicksal überlassen ....
so ein makelloser Zustand und soooo ein günstiger Preis ... es ging nicht anders!
Die 2,8er hat mich wenige Wochen später in einem Nürnberger Antiquariat so lange angestarrt,
bis ich reingegangen bin und mit ihr wieder rauskam .... auch diese Kamera kam nicht wirklich teuer zu mir .... ich war zu Hause dann "erschrocken" wie hoch die Dinger (in mäßigem Zustand) gehandelt werden.

RETINA - 3.jpg

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Was mir arbeitendem Menschen ja fast immer fehlt, ist Zeit für das Hobby!
Jetzt aber (wo schon zwei dieser Knipsen auf GEBRAUCH warten) wurde es dann doch Zeit,
Aufnahmen damit zu machen.

Kameratechnik vor dem Hintergrund Ihrer Zeit:

Die Retina war Anfang der 1950er Jahre eine ultramoderne Kamera und hatte ein damals noch
sehr seltenes Feature, nämlich eine Kopplung zwischen Verschluss-Schnellspannung und Filmtransport.
Will sagen, Du transportierst den Film mit einem "Schnellspannhebel" (nicht mit den damals noch üblichen Rändelrädern) und hast den Verschluss gleichzeitig auch schon (gekoppelt also) gespannt.
Ferner war die RETINA eine wirkliche und ehrliche VEST-Pocket CAM .... eine Faltkamera also,
die tatsächlich in die Hosentasche passt.

Die Retina war und ist eine sehr sehr hübsche, ultrakompakte und schön gemachte Reisekamera,
die dem "Kleinbildfilm" alle Ehre machte und immer noch macht.
Ansonsten erfordert die RETINA allerdings eine Photographin oder einen Photographen, die /der
die Belichtung selber machen können muss, denn die Kamera hat weder automatische Belichtung
(das gab es in der Zeit noch gar nicht) noch hatte sie einen eingebauten Belichtungsmesser
(das gab es schon, war aber selten und absolute Oberklasse).

Die Retina muss auch auf einen Entfernungsmesser verzichten.
Die Aufnahmeentfernung muss also entweder geschätzt werden oder extern gemessen werden.
Entfernungen unterhalb von 2,5m zuverlässig zu schätzen ist bei den relativ lichtstarken Objektiven
der Retina zumindest schwierig .... unzuverlässig.

Ich nutze für solche Kameras gerne einen Aufsteck-Entfernungsmesser .... ich habe da verschiedene ...
sehr gut finde ich den Voigtländer aus der Zeit:

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Die Belichtungsmessung lässt sich entweder mit einem Handbelichtungsmesser genau gestalten
(hier mein geschätzter Gossen-SIXTOMAT aus 1956) .....

RETINA - 18.jpg

.... oder mit einem schmucken (sehr genauen!) KODAK-Kodalux-L Aufsteck Belichtungsmesser.

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RETINA - 17.jpg


Fazit:

Die RETINA ist eine bildhübsche, sehr hochwertig anmutende (in Deutschland gefertigte)
Kleinstkamera mit damals guter (durchaus üppiger) Ausstattung!
Gespart wurde weder an den ausgezeichneten Schneider Kreuznach Objektiven
50mm/3,5 oder 50mm/2,8 noch am damals wohl weltbesten Zentralvschschluss dem
COMPUR-RAPID oder Synchro/Compur von Friedrich Deckel.

Dieser realisiert Verschlusszeiten von einer Sekunde bis zu 1/500s .... die 1/500s konnte
damals nur der COMPUR.

Der Faltmechanismus und die Filmtransport-Verschlussspann-Kopplung waren damals besonders,
die Fertigungsqualität überdurchschnittlich.

Ich habe nicht herausfinden können, was eine Retina 1951 gekostet hat .... ich vermute aber,
dass sie kein Schnäppchen gewesen sein kann.

Erfolgreich war sie! Vom hier gezeigten Typ 015 wurden knapp 140.000 Stück gebaut, ehe sie 1955
von der RETINA 1b (Typ 018) abgelöst wurde.

Bildqualität und Praxistauglichkeit bis heute:

Und ja .... die Aufnahmen sind auch heute noch schön anzusehen .... scharf und kontrastreich, wie man
das von Schneider Kreuznach Objektiven auch erwarten kann:
Es lohnt sich nicht, beiden Kameras die jeweiligen Aufnahmen zuzuordnen! Beide Objektive zeichnen
identisch scharf und ohne erkennbare Schwächen. So gesehen, wäre die 2,8er Optik der 3,5er zwar
vorzuziehen, mit der 3,5er ist aber niemand wirklich "schlecht" aufgestellt.

BILDBEISPIELE:

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RETINA - 24.jpg

Praxistauglichkeit heute:

Wenn so eine KODAK RETINA in gebrauchsfähigem Zustand ist, dann ist sie damals, wie heute gut einsetzbar und wird jedem Spaß machen, der auch heute noch BEWUSST, UMSTÄNDLICH mal ANDERS,
WIE DAMALS photographieren möchte.
Mir macht "WIE DAMALS" sowieso Spaß, weil ich "DAMALS" noch kenne und nicht mehr lernen muss, wie man einen Handbelichtungsmesser bedienen muss oder wie man eine Belichtung selber macht.

Ich weiß aber, dass "wie damals" auch für junge Leute zum besonderen Erlebnis werden kann ....
einfach mal SCHLUSS mit "Draufdrücken und gucken" sondern mal ÜBERLEGEN, wie es später aussehen wird, wenn der Film entwickelt und gescannt oder ausbelichtet ist.

Der nächste Schritt .... den Film nicht mehr aus der Hand zu geben, sondern selber zu verabeiten ist eine
logische Folge für alle, die dann Blut geleckt haben und doch auch mal die andere Photographie zu erleben.

Ich berate SEHR GERNE ALLE, die der Droge Film zum Opfer fallen.

Grüße und rettet Film😊
Klaus

Nachtrag:

Filme (beide Kameras)

KODAK GOLD 200

Entwickelt in FUJI HUNT C41 bei 38 Grad Prozesstemperatur
 
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Christa E.

Christa E.

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Also, wenn ich das so sehe, dann bin ich sehr überrascht, wie tadellos die Kameras noch aussehen und auch anscheinend funktionieren, trotz ihres Alters!!!
Interessanter Beitrag, Klaus... :)
 
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Moin Klaus,

vielen Dank für deine immer wieder erhellenden Exkurse in die Historie unseres Hobby´s!
Es ist schön zu sehen, daß man mit diesem alten Equipment heute immer noch sehr brauchbare Resultate erzielen kann. Die Bilder strahlen immer noch den Charme der Analogfotografie aus, welcher auch bei mir sentimentale Gefühle aufkommen läßt....
Damals bekam ich zur Erstkommunion von meinem Vater seine Braun Paxette II und ein Handbelichtungsmesser geschenkt.

Braun_Paxette_II_M_ohne_Objektiv.jpg

Die Sache mit dem Wechselobjektiv war damals schon ziemlich innovativ. Für mein damaliges Taschengeldbudget waren Filme und erst recht die 9x13mm Bildabzüge sehr teuer, sodaß jede einzelne Aufnahme sehr gut überlegt sein wollte......🤔

Ich finde es jedenfalls klasse, lieber Klaus, daß Du die gute alte Analogzeit unseres Hobbys lebendig hälst und uns immer wieder mit solch tollen Beiträgen erfreust. 👍👍👍

Viele Grüße

Dieter
 
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Moin Klaus,

vielen Dank für deine immer wieder erhellenden Exkurse in die Historie unseres Hobby´s!
Es ist schön zu sehen, daß man mit diesem alten Equipment heute immer noch sehr brauchbare Resultate erzielen kann. Die Bilder strahlen immer noch den Charme der Analogfotografie aus, welcher auch bei mir sentimentale Gefühle aufkommen läßt....
Damals bekam ich zur Erstkommunion von meinem Vater seine Braun Paxette II und ein Handbelichtungsmesser geschenkt.

Anhang anzeigen 177522

Die Sache mit dem Wechselobjektiv war damals schon ziemlich innovativ. Für mein damaliges Taschengeldbudget waren Filme und erst recht die 9x13mm Bildabzüge sehr teuer, sodaß jede einzelne Aufnahme sehr gut überlegt sein wollte......🤔

Ich finde es jedenfalls klasse, lieber Klaus, daß Du die gute alte Analogzeit unseres Hobbys lebendig hälst und uns immer wieder mit solch tollen Beiträgen erfreust. 👍👍👍

Viele Grüße

Dieter
Hallo Dieter,

die Braun Paxette ist eine der Systemkameras, die das damalige Friedrich Deckel Bajonett verwendeten.

Das ist im Grunde das selbe Objektiv-Zentralverschluss-System, das auch meine geschätzte Voigtländer Bessamatic verwendet:

Voigtländer Bessamatic ..... Ein Kameraportrait ....

LEIDER LEIDER LEIDER war man in Deutschland damals so saudämlich, dass man die Objektive zwischen den deutschen Marken DOCH NICHT austauschbar machte???!
Winzige Aussparungen an den Bajonettringen verhinderten, dass man Objektive der einen Marke an Kameras der anderen Marken nutzen konnte.

Heute ist das kein Ding mehr ... es gibt Umbauanleitungen .... so habe ich mein 28mm Curtagon Weitwinkel von KODAK RETINA REFLEX auf Voigtländer Bessamatic umgebaut .... mit einem Dremelwerkzeug.
Die eigentliche Bedrohung kam aber aus Japan ..... nicht von deutschen Mitbewerbern ... man hätte besser kooperiert! So starb der Zentralverschluss in der SLR-Systemkameraszene Ende der 1960er leider aus.

Grüße und rettet Film!

Klaus
 
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Vielen Dank, Klaus, für die spannenden Erläuterungen!
Dir weiterhin ganz viel Freude und Durchhaltevermögen mit den alten Schätzchen!

Viele Grüße

Dieter
 
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Dir weiterhin ganz viel Freude und Durchhaltevermögen mit den alten Schätzchen!

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Dieter
😊😊😊
"Durchhaltevermögen" braucht es da bei mir nicht!
Film macht genau so viel Spaß, wie Digital! Das nächste Projekt läuft schon längst ..... ich werde natürlich wieder BERICHTEN ..... Ehrensache!!🤣🤣🤣

Grüße und vielö spaß mit Film

Klaus
 
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"Durchhaltevermögen" braucht es da bei mir nicht!
Film macht genau so viel Spaß, wie Digital! Das nächste Projekt läuft schon längst ..... ich werde natürlich wieder BERICHTEN ..... Ehrensache!!🤣🤣🤣

Grüße und vielö spaß mit Film

Klaus
...dann bin ich doch mal sehr gespannt.......🙂
 
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